Berlin : Verheiratet wider Willen – Alltag auch in Berlin

Seyran Ates hat ein Attentat überlebt. Trotzdem kämpft die Anwältin weiter gegen Zwangsehen. Heute bekommt sie den Frauenpreis

Suzan Gülfirat

Eigentlich sieht der Warteraum der Anwaltskanzlei wie ein behagliches Wohnzimmer aus. Gedämpftes Licht, eine gemütliche Couchgarnitur, daneben eine mannshohe Pflanze und in der hinteren Ecke des Raumes die Spielsachen. „Wenn die Mütter in meinem Zimmer sitzen, spielen die Kinder hier. Sie müssen die Gespräche nicht unbedingt mitbekommen“, sagt die türkischstämmige Rechtsanwältin Seyran Ates (ausgesprochen: Atesch). „Schließlich haben die Frauen ein jahrelanges Martyrium hinter sich, bevor sie zu mir kommen“, erzählt die Expertin für Familienrecht.

Die 40-jährige Juristin Seyran Ates bekommt in diesem Jahr den Frauenpreis des Berliner Senats, weil sie sich couragiert gegen Zwangsehen von Mädchen und Frauen aus islamischen Ländern einsetzt. Frauensenator Harald Wolf (PDS) wird die mit 2500 Euro dotierte Ehrung am heutigen Montag im Berliner Rathaus überreichen. „Ich fühle mich sehr geehrt. Das ist eine große Anerkennung für meine Arbeit, die ich aus tiefster Überzeugung mache“, sagt Ates.

Gut die Hälfte der Frauen, die in ihre Gemeinschafts-Kanzlei unweit des Hackeschen Marktes im Bezirk Mitte kommen, stammen aus der Türkei. Von diesen Frauen wiederum wurden 30 bis 40 Prozent gegen ihren Willen verheiratet. Viele ihrer Mandantinnen sind hier in Deutschland geboren oder aufgewachsen. Doch das hat sie nicht vor unfreiwilligen Ehen geschützt: „Manche wurden beim Heimaturlaub mal eben unter die Haube gebracht.“

Von neuen Schicksalen zwangsverheirateter Frauen erfährt Seyran Ates immer wieder, weil sie in einem Frauenhaus Betroffene berät. Aus dieser Arbeit weiß sie, das nach einer Zwangsheirat häufig Gewalt ins Spiel kommt. „Mehr als 90 Prozent der betroffenen Frauen, mit denen ich zu tun habe, wurden regelmäßig verprügelt. Nicht selten gingen die Gewaltakte mit Vergewaltigungen einher“, sagt Seyran Ates. „In so einer Ehe können doch keine psychisch gesunden Kinder heranwachsen“, sagt sie.

Die Anwältin weiß aus eigener Erfahrung, wovon sie spricht. Als Tochter eines Kurden und einer Türkin wuchs sie nach den strengen Regeln türkischer Familien auf, durfte das Haus nur für die Schulstunden verlassen. Seyran musste Vater und Bruder bedienen und sich auf die Hochzeit mit einem Türken vorbereiten. Mit siebzehn tauchte sie 1969 in Berlin unter und lebte mit einem deutschen Mann zusammen, um einer Zwangsheirat zu entgehen. „Ich wollte ein selbstbestimmtes Leben führen, um jeden Preis.“ Mit ihren Eltern hat sie deswegen lange Stress gehabt. Nach der Versöhnung mit den Eltern machte sie das Abitur, fing an, in Frauengruppen mitzuarbeiten und begann ein Jurastudium an der Freien Universität. So hat sie 1983 die Beratungsstelle Akarsu (türkisch: fließend Wasser) in Kreuzberg mitgegründet; hier wird Gesundheitsberatung für Frauen nichtdeutscher Herkunft angeboten sowie soziale und psychosoziale Beratung.

1984 später passierte dann das Attentat, das seinerzeit die Berliner schockiert hat. Ein Türke stürmte in den Frauenladen TIO in Kreuzberg und schoss um sich. Zwei Frauen hat er getroffen. Die eine starb, Seyran Ates überlebte mit lebensgefährlichen Verletzungen. „Es war einer, dessen Frau wir beraten hatten“, sagt Seytan Ates mehr als zwanzig Jahre nach der Tat. Tatsächlich wurde ein 50-jähriger Türke gefasst, auf dem die Beschreibungen passten, aber der Beschuldigte stritt die Tat ab. Das Gericht urteilte deshalb „im Zweifel für den Angeklagten“ und ließ ihn frei. Ganze sechs Jahre dauerte die körperliche und seelische Genesung der jungen Jurastudentin. Ihr Studium konnte sie erst 1990 wieder aufnehmen, 1997 machte sie das zweite Staatsexamen. In der Zwischenzeit hat sich an der Situation türkischer Mädchen und Frauen kaum etwas geändert, bis heute nicht.

„Bei mir saßen schon Frauen, die mit 13 verheiratet wurden“, sagt sie. Diese Kinderehen sind zwar auch nach türkischem Recht verboten. Aber nach islamischem Recht traut ein Prediger die „Eheleute“ – und nicht der Staat. Von der türkischen Öffentlichkeit werden Kinderehen immer noch stillschweigend geduldet oder gar als normal empfunden. „,Ich habe deinen Vater auch ertragen, also ertrage auch deinen Mann für die Familienehre.‘ So etwas kriegen die Frauen sogar von ihren Müttern zu hören“, sagt Seyran Ates.

Auch deshalb war es eine mutige Entscheidung, als sie vor zwei Jahren beschloss, mit ihrer eigenen Biographie endgültig aus der Tabuzone herauszutreten. Denn noch heute müssen Frauen, die Frauen aus islamischen Ländern helfen, anonym bleiben – aus Angst vor der Rache von Familienmitgliedern.

Nun tourt Seyran Ates durch ganz Deutschland, liest aus ihrer im vergangenen Jahr im Rowohlt-Verlag erschienen Biograpfie („Die Reise ins Feuer“) vor und hält Vorträge über Zwangsehen. Das Buch ist eine „Reise ins Ich“: Das Wort „Seyran“ bedeutet auf Türkisch Vergnügung, große Reise, Ausflug und „Ates“ Feuer und Fieber.

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