Berlin : Verirrt im Wrangelkiez

Murat K. ging aufs Gymnasium. Doch dann kam seine wilde Zeit: Fehlzeiten in der Schule, ein Raubüberfall. Der Weg zurück ins Arbeitsleben fällt schwer

Ralf Schönball

Als er zur Grundschule ging, da hatte Murat K. sein Ziel noch vor Augen: „Ich wollte Geschichte studieren“, sagt er. „Einen Reserveplan“, wie er sich ausdrückt, hatte er aber auch schon: Sollte es mit der Hochschule nicht klappen, dann würde er sich bei der Bundeswehr verpflichten – „weil man dort gutes Geld verdient“, sagt er. Verwegene Pläne waren das nicht. Denn bis zum Ende der Grundschule hätte niemand erwartet, dass alles ganz anders kommen würde.

Murat K. lebt im Wrangelkiez. Er ist einer der beiden Jugendlichen, die vor wenigen Wochen den umstrittenen Polizeieinsatz gegen zwei Zwölfjährige behinderten. Und er zählt zu den Wortführern im Kiez: Er klagte über zu wenig Ausbildungsplätze und Angebote für Jugendliche. Der Kiez ist für Murat „mein kleines Dorf“. Jeder kennt ihn, und er kennt alle. In dieser Gemeinschaft haben viele eine Biografie wie er – und manchen führt sie in die Irre.

Seit Jahren schon wechselt Murat von einer Qualifizierungsmaßnahme des Job- Centers in die nächste. Und je mehr Zeit vergeht, desto mehr schließt sich die Tür zum regulären Arbeitsmarkt. In zwei Jahren gilt der heute 23-Jährige beim Job-Center nicht mehr als jugendlicher Auszubildender. Murat weiß um die Gefahr. Er will seine Chance ergreifen, jetzt, wo der Arbeitsmarkt anzieht.

Murat, wegen schweren Raubüberfalls vorbestraft, ist ein ehrlicher Mann: „Klar, die Jobsuche ist so schwer wegen meiner Fehlzeiten auf den Zeugnissen“, sagt er – und: „Es ist immer noch ein bisschen Faulheit da, aber ganz wenig.“ Murat weiß, dass sein Verhalten darüber entscheidet, ob er sich nur auf einem langen Umweg zu einem regulären Arbeitsplatz befindet – oder direkt in die soziale Sackgasse steuert. Deshalb sagt er auch mit Bestimmtheit, wenn die Rede auf seine Vorstrafe kommt: „Ich habe meine Lebenseinstellung geändert.“ Das klingt nicht nach einer Ausrede: Von seinen fünf Komplizen bei dem Raubüberfall ist er der einzige, der keine Haftstrafe verbüßt – er bestand als einziger die Bewährungszeit.

Murat war ein kluges Kind. Er schloss die Grundschule mit Gymnasialempfehlung ab und wechselte aufs Leibniz-Gymnasium. Doch dann begann das, was Murat seine „wilde Zeit“ nennt: Zigaretten, die erste Freundin und Abenteuerlust: „Ich habe mich oft in irgendeinen Bus gesetzt und Berlin erobert“, sagt er. Doch während er durch die Straßen von Grunewald oder Pankow streunte, sammelte er in der Schule Fehlzeiten – nach einem halben Jahr war die Gymnasialzeit vorbei.

Es folgten Stationen auf drei Schulen und der erweiterte Hauptschulabschluss. Schlechte Voraussetzungen beim Kampf um einen Ausbildungsplatz. „Die meisten sehen auf die Fehlzeiten und stellen mich deshalb nicht ein“, sagt er. Das Kreuzberger Job-Center fing ihn auf: Zwei Ausbildungs- und drei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen hat er durchlaufen. Beschäftigung für ein halbes, manchmal für ein ganzes Jahr. Ein Mal wäre daraus fast eine feste Stelle geworden: beim Kinderzirkus „Cabuwazi“. Für handwerkliche Arbeiten wurde er da gebraucht, Sägen und Schrauben lernte er. Und er hatte seinen großen Auftritt: als Clown in der Manege. „Als ich die Kinder lachen sah, war so viel Freude in mir“, sagt er. Doch auch dort scheiterte er: wieder an Fehlzeiten, die er sich auch hier erlaubte. Und die Bundeswehr nahm ihn auch nicht, wegen seiner Vorstrafe.

„In der Regel gibt es Gründe dafür, dass ein Kunde mehrere Maßnahmen erfolglos durchläuft“, sagt Dieter Henke vom Job-Center. Das Umfeld, Überschuldung, eine „Suchtproblematik“ könnten dazu führen, dass schon grundlegende Dinge wie Pünktlichkeit und regelmäßige Teilnahme an der Arbeit erst wieder erlernt werden müssten. Murat ist so ein Fall.

Zurzeit besucht er eine Maßnahme des Türkischen Bundes Berlin. Und er nahm Kontakt zu einem Streetworker auf, der Ausbildungsplätze in Firmen vermittelt, die Jugendlichen mit Vergangenheit eine Chance geben. Murat ist zuversichtlich, dass es dieses Mal klappt: „Wenn ich wirklich mit dem Herzen dabei bin“, sagt er, „dann halte ich eine Ausbildung durch.“

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