Verkehr : Aggressive Putzteufel

Jeder kennt die Situation: Man sitzt im Auto, will seine dreckigen Scheiben behalten, doch die Fensterputzkolonne schrubbt trotzdem. Jetzt geht die Polizei gegen aggressive Putzteufel vor. Eine Lösung des Problems ist jedoch nicht in Sicht.

Sebastian Leber
Wischwisch
Die Scheibenputzer sind oft nicht gefragt. -Foto: ddp

Vielleicht haben sie inzwischen mitbekommen, dass der Unmut über sie wächst. Vielleicht ist das die Charme-Offensive der Scheibenputzer: Das jugendliche Mädchen, das Donnerstagmittag am Kottbusser Tor neben der Ampel wartet, wirft jedem Autofahrer erst mal ein breites Grinsen zu. Ansonsten bleibt alles wie gehabt: Bei Rot läuft das Mädchen zum ersten Wagen vor, kippt Seifenwasser auf die Scheibe und fängt an, zu wischen. Dass die meisten Autofahrer dabei wild mit dem Kopf schütteln, ist ihr egal.

Die Zahl der Scheibenputzer hat in Berlin deutlich zugenommen, das bestätigt die Polizei. Und auch die Zahl der Anrufer wächst, die sich über aggressives und einschüchterndes Verhalten der Putzer beschweren, wenn sie für die ungewollte Dienstleistung anschließend kein Trinkgeld erhalten. Das Problem hat sich inzwischen auch außerhalb der Stadt herumgesprochen. Johannes Hübner vom Automobilclub AvD mit Sitz in Frankfurt am Main findet es „völlig unverständlich“, warum die Stadt Berlin nicht konsequent gegen Putzer vorgeht. Für ihn handelt es sich um Nötigung, weil Putzer die Autofahrer bewusst unter „Zugzwang“ setzen. „Die bauen absichtlich psychologischen Druck auf, und viele Autofahrer zahlen dann lieber.“ Laut Hübner könnte man das Treiben leicht unterbinden, wenn der politische Wille da wäre – schließlich handele es sich um eine „Genehmigungspflichtige Nutzung des öffentlichen Straßenraums“.

Tatsächlich wird das Putzen in Berlin geduldet, neben jugendlichen Punks stehen seit diesem Jahr auch rumänische Familien stundenlang an Kreuzungen im Innenstadtbereich. Besonders häufig trifft man die Wischer an Verkehrsknotenpunkten wie dem Frankfurter Tor, der Oberbaumbrücke, dem Kottbusser Tor und dem Großen Stern. Die Polizei greift nur ein, wenn sich Autofahrer beschweren. Wie zuletzt am Mittwoch, als fünf Putzer zahlungsunwillige Autofahrer einschüchterten. Die Gruppe wurde für sieben Stunden in Gewahrsam genommen. In einem anderen Fall vor zwei Wochen wurde ein Putzer festgenommen, nachdem er einer Autofahrerin Wischwasser ins Gesicht geschüttet hatte. Bei der Geschädigten handelte es sich zufällig um eine Polizeibeamtin in Zivil. Immer wieder kommt es vor, dass aufdringliche Putzer mit der flachen Hand gegen die Autoscheibe schlagen. Laut Johannes Hübner vom AvD gehen die Putzer in anderen Teilen Europas wie Spanien, Süditalien und dem Großraum Paris noch aggressiver vor. Als erste Großstadt weltweit hatte in den 80er Jahren New York mit dem Phänomen zu kämpfen. Dort waren die Putzer unter der lautmalerischen Bezeichnung „Squeegee Men“ bekannt – in den 90ern unterband Bürgermeister Rudolph Giuliani das Putzen im Rahmen seiner „Null Toleranz“-Strategie.

In Berlin sind viele Fahrer inzwischen dazu übergegangen, ihre Scheibenwischer anzuschalten, um so die Putzer zu stoppen. ADAC-Sprecher Maximilian Maurer rät davon allerdings ab. „Das sind empfindliche Teile.“ Wenn die Scheibenwischer an der Hand des Putzers kleben blieben, könnten sie kaputt gehen. Auch bei Deutschlands größtem Verkehrsclub spricht man inzwischen von einem „großen Problem“. Maximilian Maurer verweist zudem darauf, dass das Putzen sowieso keine sauberen Scheiben bringe. Weil meistens „Schmutzwasser aus dem Eimer“ verwendet werde. „Die verschmieren den Dreck höchstens auf der Scheibe.“ Außerdem sei die Ampelphase zu kurz, um angetrockneten Schmutz von der Scheibe zu lösen.

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