Verkehr : Berlin wird immer fahrradfreundlicher

Einsfünfzig für den Liter Benzin und mehrere Wochen BVG-Streik - das waren nur zwei Gründe für immer mehr Berliner, aufs Fahrrad umzusteigen. Mit insgesamt 150 Bauprojekten macht die Verkehrsverwaltung den Wechsel leichter.

Stefan Jacobs
radfahrer
Der Radverkehr in Berlin nimmt zu. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Berliner, die schon längst Zweirad fahren, können erleben, wie die Stadt von Jahr zu Jahr fahrradfreundlicher wird. Das Jahr 2008 könnte dabei einen neuen Rekord markieren: Nie zuvor wurde so viel für den Fahrradverkehr getan – die neuerdings durchweg mit Radstreifen markierten Straßen im Regierungsviertel beweisen es. Von insgesamt 150 Einzelvorhaben berichtet Heribert Guggenthaler, der bei der Verkehrsverwaltung das Referat Straßenplanung leitet. In der Liste finden sich ein paar Großprojekte, aber viel mehr kleine – und damit preisgünstige – Aktivitäten mit oft großer Wirkung.

Als erste von drei Kategorien nennt Guggenthaler die „Netzschlüsse“. Sie sollen Radler auf kurzen Wegen sicher durch die Stadt bringen. In der Regel geschieht das auf Fahrradstreifen, die auf Hauptstraßen markiert werden: In der Innenstadt sind das in diesem Jahr beispielsweise Alt-Moabit, Skalitzer, Chaussee-, Schlüter-, Katzbach- oder nördliche Müller- und südliche Wilhelmstraße. Die Greifswalder wird zur Expressverbindung zwischen Alex und Weißensee. Im Norden der Stadt stehen außerdem Aroser Allee, Alt-Blankenburg, Buschallee, Ahrensfelder Chaussee und Konrad-Wolf-Straße auf dem Markierungsprogramm, im Osten Cecilienstraße, Alt-Biesdorf und Allee der Kosmonauten. Auch Buckelpisten werden asphaltiert – wie in der Belziger, der Neuen Schönholzer und der Pettenkoferstraße sowie am Alten Fischerweg. Entlang der Halenseestraße soll sich bald der Rathenauplatz kreuzungsfrei umfahren lassen, mit dem Radweg an der Schlichtallee in Lichtenberg wird die „Südspange“ von Dahlem nach Biesdorf fertig. Zusätzlich werden kurze Grünverbindungen ausgebaut, Sackgassen für Radler geöffnet – und ein altes Industriegleis an der Siegfriedstraße für Radler und Fußgänger hergerichtet.

Zweiter Posten und neu in diesem Jahr ist der eigene Haushaltstitel für Radwegsanierungen. Die bereitstehende Million soll unter anderem an See-, Prinzen-, Gutschmidt-, Gatower, Waltershauser und Chemnitzer Straße investiert werden. Außerdem wird an Prenzlauer Promenade, Tempelhofer Damm, Königsweg, Nordgraben, Treskowallee, Treptower Park und südlichem Adlergestell gebaut. Für 2009 ist die nächste Million eingeplant; Bedarf gibt es mehr als genug.

Die dritte Kategorie wird zur Hälfte vom Bund finanziert und trägt das Etikett „Tourismus“. Tatsächlich kommen auch diese Projekte vielen Alltagsradlern zugute. Prominentestes Beispiel ist der Europa-Radweg R1, der nach einem Lückenschluss an der Spree in Köpenick auch beschildert werden soll. Er führt auf zumeist grünen Wegen von Potsdam entlang der Havel in die City und von dort weiter ins Oderland. Ähnliche Lückenschlüsse plant der Senat beim Radweg Berlin-Usedom in Pankow, beim Radweg Berlin-Kopenhagen an der Bürgerablage in Spandau und am Mauerweg, der sich in Rudow noch in den Resten der Autobahnbaustelle verliert.

Ganz neu sind die Planungen für den Spree-Radweg zwischen Köpenick und Spandau. Sicher ist nach Auskunft von Guggenthaler, dass 2009 ein Weg durch den Schlosspark Charlottenburg asphaltiert wird; der weitere Verlauf wird sich nach dem Ausbau der Spree richten. Ebenfalls in der Schublade stecken Pläne für einen Fernradweg vom Brandenburger Tor übers Südkreuz bis nach Leipzig.

Während bis vor wenigen Jahren meist vom Schreibtisch aus geplant wurde – Motto: Radweg ist, wo Autos nicht durchkommen –, gelten jetzt klare Qualitätsstandards. In Workshops erklären externe Experten den bezirklichen Planern Dinge wie den unterschiedlichen Rollwiderstand auf Asphalt und Verbundpflaster sowie Sicherheit an Kreuzungen. Nach Guggenthalers Erfahrung nehmen inzwischen alle Bezirke das Thema ernst – wenn auch mit kleinen Abstrichen: In Tempelhof-Schöneberg etwa verhindere angeblicher Personalmangel, dass anerkannte Planungsfehler wie der auf einem schmalen Bürgersteig am Bülowbogen endende Radweg beseitigt würden. Und das Bezirksamt Pankow boykottiert weiter einen Asphaltstreifen durch den Mauerpark. „Mehr als Geld anbieten kann ich nicht“, sagt Guggenthaler; „ich kann ja nicht in Pankow einmarschieren“.

Doch die Zahlen zeigen, wofür seine Arbeit gut ist: „Unter den Linden machen die Radler inzwischen 25 Prozent des Verkehrs aus. Überhaupt sind die Zuwächse an den acht ständigen Messstellen gewaltig.“ Im Laufe des Jahres soll genauer gezählt werden.

Infos für Radler online:

www.stadtentwicklung.berlin.de/verkehr/radverkehr

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