Verkehr in Berlin : Beim Blitzmarathon gibt es mehr Unfälle als sonst

An allen bisherigen Blitzmarathon-Tagen lag die Unfallzahl in Berlin über dem Durchschnitt. Dabei wurde auffallend ruhiger gefahren. Der Effekt der Aktionstage ist umstritten.

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Beim Blitzmarathon misst die Berliner Polizei mit allem, was sie an Technik dafür hat.
Beim Blitzmarathon misst die Berliner Polizei mit allem, was sie an Technik dafür hat.Foto: dpa

Die Beamten der Autobahnpolizei sagten, es seien die ruhigsten Tage ihres Arbeitslebens: Wenn Blitzmarathon war, glitten die Polizisten in ihrem zivilen Videowagen mit dem Strom auf der Stadtautobahn, der eher Tempo 75 statt der erlaubten 80 fuhr, während an anderen Tagen selbst jenseits von Tempo 90 noch viele drängeln. Auch im Polizeipräsidium hieß es stets, dass das Verkehrsklima auffallend entspannt gewesen sei an jenen Tagen, an denen die Polizei mit aller verfügbaren Technik den Rasern zu Leibe rückte – nach großer medialer Ankündigung und Bekanntgabe aller geplanten Kontrollstellen.

Die Vermutung, dass es bei insgesamt gemächlicherem Verkehrsfluss seltener kracht, liegt nahe, aber trifft auf keinen der bisher vier Blitzmarathons in Berlin zu. Es gebe „weder Besonderheiten bei der Anzahl der Verkehrsunfälle noch bei dem dabei entstandenen Sach- und Personenschaden“, teilte die Polizei auf Anfrage des Tagesspiegels mit. Demnach hat es am Tag des ersten Blitzmarathons im April 2013 auf Berlins Straßen 415 Mal gekracht, wobei 53 Menschen verletzt wurden. Beim zweiten Termin im Oktober darauf waren es 416 Unfälle mit 47 Verletzten. Damit liegen die Zahlen sogar über dem rechnerischen täglichen Schnitt jenes Jahres: Knapp 131.000 Unfälle mit fast 16.400 Verletzten ergeben pro Tag 359 Crashs und 45 Personenschäden.

Die Polizei sagt: Den "normalen" Tag als Vergleich gibt es nicht

Ähnlich ist die Bilanz für den dritten Blitzmarathon im April 2014: 429 Unfälle mit 64 Verletzten liegen wiederum über dem Tagesschnitt des Jahres (364 Unfälle mit 48 Personenschäden). Für den vorerst letzten Blitzmarathon im April dieses Jahres lässt sich naturgemäß noch keine Vergleichszahl ermitteln. Aber 410 Unfälle mit 48 Personenschäden lassen zumindest vermuten, dass die Bilanz ähnlich ausfallen wird wie früher.

Die Polizei hat stets betont, dass sie mit den Aktionen nicht unmittelbar die Zahl der Raser-Unfälle senken, sondern die Öffentlichkeit dauerhaft für das Thema sensibilisieren will. Auch schwanke das Unfallgeschehen je nach Wetter, Verkehrsdichte und Sichtverhältnissen insgesamt so sehr, dass Vergleiche der Blitzmarathon-Termine beispielsweise mit „normalen“ Dienstagen und Donnerstagen unmöglich seien.

Auch unter Experten ist der Sinn der Blitzmarathons umstritten. Während die einen die Präsenz des Themas loben, kritisieren andere, dass Gewohnheitsraser nur an jenem Tag langsamer fahren – nicht aus Einsicht, sondern aus purer Vorsorge, um nicht erwischt zu werden. Tatsächlich war laut der Berliner Polizei „die Feststellungsquote“ am letzten Aktionstag im April 2015 „deutlich niedriger als bei den Kontrollen im sonstigen Jahresverlauf“. In den vergangenen beiden Jahren wurde bei Tempokontrollen etwa jeder 19. geblitzt – wobei von vornherein nur jene erfasst werden, die mindestens neun Stundenkilometer zu schnell sind. Im „Mutterland“ der Blitzmarathons, Nordrhein-Westfalen, sieht das Innenministerium einen Zusammenhang zwischen den dort seit 2012 stattfindenden Aktionen und der Verkehrssicherheit: Die Zahl der Verkehrstoten in NRW sank binnen Jahresfrist um rund 100, davon 76 bei tempobedingten Unfällen. Außerdem sei beispielsweise in Köln der Anteil der hohen Überschreitungen von 57 auf 30 Prozent gesunken, in Dortmund sei der durchschnittliche Schnellfahrer mit nur noch zehn Stundenkilometern überm Limit geblitzt worden statt zuvor mit 14 km/h zu viel.

Im Herbst wird über die Fortsetzung entschieden

Welche Rolle Raserei im Unfallgeschehen genau spielt, ist auch in Berlin nicht komplett dokumentiert: „Nicht angepasste Geschwindigkeit“ ist zwar seit Jahren die dritthäufigste Unfallursache, aber „nicht angepasst“ kann auch Tempo 45 auf einer 50er-Strecke sein, wenn es nass und dunkel ist. „Überhöhte Geschwindigkeit“ dagegen lässt sich gerichtsfest meist nur mit Gutachten ermitteln.

Ob und wann der nächste Blitzmarathon ansteht, wird nach Auskunft der Polizei auf der im Herbst stattfindenden Innenministerkonferenz von Bund und Ländern entschieden.

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