Verkehr in Berlin : Weniger Raser, mehr Aggressivität

Forscher haben in vier deutschen Großstädten untersucht, wie schnell Autofahrer dort unterwegs sind. Die Berliner Ergebnisse erstaunen die Experten.

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Längst nicht alle Autofahrer halten sich an das jeweilige Tempolimit.
Längst nicht alle Autofahrer halten sich an das jeweilige Tempolimit.Foto: picture-alliance/ dpa

Berlin ist eine halbwegs zivilisierte Oase in einem von Rasern geplagten Land. So etwa lautet die Bilanz einer aufwendigen Messkampagne der Unfallforschung der Versicherer (UDV). Die Verkehrsexperten haben das Tempo von mehr als zwei Millionen Kraftfahrzeugen in vier deutschen Großstädten gemessen, mit unauffälligen Geräten am Straßenrand. So entstand ein Bild der real gefahrenen Geschwindigkeiten, also auch auf freier Strecke und ohne Polizeipräsenz.

Hamburg ist die Rasermetropole

Begonnen wurde die Messreihe 2014 in Berlin, wobei sich die Autofahrer ganz überwiegend als diszipliniert erwiesen. Dann folgten Köln, wo vor allem ganz skrupellose Raser häufiger waren, und München, wo häufiger zu schnell gefahren wurde als in Berlin. Mit rund einer halben Million Messungen in Hamburg wurde die Reihe jetzt beendet – und die Hansestadt als Rasermetropole erkannt.

Bei erlaubtem Tempo 50 fuhr in Hamburg fast jeder Fünfte mehr als 55 Kilometer pro Stunde. In Berlin war es nur jeder Zwanzigste. Der Anteil der harten Raser, die mit mehr als Tempo 80 durch die Stadt donnerten, lag dreimal so hoch wie in Berlin. Zwar sind derart Skrupellose mit 0,1 Prozent selbst in Hamburg eine Ausnahme, aber absolut waren es während der Messung 642 Fahrer.

Ähnlich finster ist die Bilanz auf Tempo-30-Strecken: Etwa jeder Vierte fuhr in Hamburg mehr als 40 km/h; in Berlin war es jeder Elfte. Disziplin herrschte nur in der Nähe eines stationären Blitzers: Während sonst die Mehrheit mehr als 35 km/h bei erlaubten 30 fuhr, war es direkt vor oder hinter dem Gerät nur jeder Vierte. Das in verkehrsberuhigten Bereichen („Spielstraßen“) vorgeschriebene Schritttempo interessierte in Hamburg praktisch niemanden: 84 Prozent der Gemessenen fuhren dort schneller als 15 km/h. In München waren es sogar 96 Prozent, in Berlin 63 Prozent.

"Das schärfste Schwert ist die soziale Kontrolle"

Gemessen wurde an Werktagen tagsüber und nachts. Da die Unfallforscher auch die Lücken zum Vordermann erfassten, konnten sie feststellen, dass der Anteil der Raser bei freier Strecke deutlich zunimmt – vor allem auf mehrspurigen Straßen, wo leicht überholt werden kann. UDV-Leiter Siegfried Brockmann schließt daraus, dass Schnellfahrer es umso schwerer haben, je größer die Mehrheit der Vernünftigen ist. „Unser schärfstes Schwert ist nicht polizeiliche, sondern soziale Kontrolle“, sagt er. Wie dramatisch sich das Tempo auf die Verkehrssicherheit auswirkt, illustrieren zwei Beispiele: Wo ein Auto aus Tempo 30 mit Vollbremsung nach etwa 14 Metern schon steht, fängt selbst ein aufmerksamer Fahrer bei Tempo 50 gerade erst an zu bremsen, knallt also mit voller Wucht in das Hindernis, das in der Stadt allzu oft ein Mensch ist.

Brockmann fordert „konstanten Kontrolldruck“ und „eine veränderte Bußgeldstaffel“ gegen das Rasen. Selbst anhand des aktuellen Bußgeldkatalogs haben seine Kollegen während ihrer Messungen rund sechs Millionen Euro sowie 9185 Flensburger Punkte und 1592 Monate Fahrverbot vorbeirauschen sehen. „Fänden an den Messstellen jede Woche zweistündige Messungen statt, kämen statistisch 25,9 Millionen Euro Bußgeld, fast 40.000 Punkte und 6899 Monate Fahrverbot zusammen. Die Wirkung aufs Geschwindigkeitsverhalten wäre enorm.“

Die Berliner Polizei misst erst ab neun km/h über dem Limit

Warum die Quote der Raser in Berlin so relativ gering ist, kann Brockmann nur vermuten: „Es gibt hier offenbar eine Übereinkunft, dass es bis 60 km/h gerade noch okay ist. Darüber ist es sozial geächtet“ – die ohnehin auffälligen Gewohnheitsraser ausgenommen. Dabei blitzt die Berliner Polizei Schnellfahrer erst ab 9 km/h über dem Limit. „Vielleicht ist der Berliner geiziger“, mutmaßt Brockmann und betont, dass ihn das gute Abschneiden der Hauptstadt selbst erstaunt habe. Deshalb hätten die Unfallforscher an manchen Stellen extra mit anderen Geräten nachgemessen – und festgestellt, dass ihre Daten stimmen.

Der Schluss, dass es im Berliner Straßenverkehr dank weniger Raserei etwas entspannter zugeht, wäre allerdings gewagt: In einer gerade veröffentlichten Umfrage unter je 1000 Autofahrern wurde das Verkehrsklima in Berlin als das bundesweit aggressivste beurteilt. In Hamburg ging es subjektiv deutlich entspannter zu.

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