Verkehr : Vor allen Schulen gilt künftig Tempo 30

Mit Tempo 30 vor allen Berliner Schulen sollen die Unfallzahlen sinken. Im Jahr 2007 verunglückten 845 Kinder in Berlin im Straßenverkehr. Nicht überall ist man begeistert von der Neuregelung.

Jörn Hasselmann

In Berlin wird vor allen Schulen künftig Tempo 30 als Höchstgeschwindigkeit gelten. In einem ersten Schritt wird bis zum Beginn des neuen Schuljahres am 1. September die entsprechende Beschilderung vor allen Grundschulen angebracht. Danach soll so schnell wie möglich auch an allen Oberschulen Tempo 30 eingeführt werden. Nach Angaben der Verkehrsverwaltung liegen 117 der 400 Berliner Grundschulen an Hauptverkehrsstraßen; vor 73 Schulen darf derzeit noch Tempo 50 gefahren werden. Die restlichen Grundschulen liegen in Nebenstraßen, in denen Tempo 30 gilt. Für Oberschulen liegen keine Zahlen vor.

Diese Zwangsbremsung von Autofahrern ist Teil eines Sicherheitspaketes, das Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) heute der Presse vorstellen will. 2004 hatte der Senat angekündigt, mit verkehrsberuhigenden Maßnahmen die Zahl der getöteten Verkehrsteilnehmer bis 2010 halbieren zu wollen und die Zahl der Schwerverletzten um 30 Prozent zu senken. Heute will die Senatorin mit dem „Verkehrssicherheitsbericht 2008“ eine Bilanz ziehen, ob man diesem Ziel nähergekommen ist.

Nach Angaben der Polizei hat sich zwar die Zahl der im Verkehr getöteten Personen verringert, der Rückgang ist aber kaum aussagekräftig. So gab es 2004 insgesamt 71 Tote, 2007 nur noch 56. Im Jahr zuvor, 2006, gab es aber 74 Tote. Bei den Schwerverletzten pendelt die Zahl in allen Jahren um 1800 Menschen – mit zunehmender Tendenz.

Angesichts dieser Zahlen war die Verkehrssenatorin zum Handeln gezwungen. Gegen ihre Entscheidung für Tempo 30 vor Schulen gab es dem Vernehmen nach massiven Widerstand aus ihrem eigenen Haus. Die für Hauptstraßen zuständige Abteilung „Verkehrslenkung Berlin“ hatte das Limit abgelehnt, da Autofahrer zu stark gebremst würden. Für die Sicherheit der Kinder sei bereits genug getan, argumentierte die Verkehrslenkung und verwies auf Fußgängerschutzgitter und die Verkehrszeichen „Achtung Kinder“.

Begrüßt wird Junge-Reyers Entscheidung von der Schulverwaltung und auch den Verkehrsexperten der Polizei. Tempo 30 reduziere die Gefahren deutlich, hieß es im Präsidium. „Wer das Schild 30 sieht, fährt viel bewusster und ist bremsbereiter“, sagte ein Experte. Selbst wenn nicht exakt auf 30 abgebremst würde, sei der Sicherheitsgewinn enorm. Denn Kinder seien die mit Abstand schwächsten Verkehrsteilnehmer, sie können Entfernungen und Geschwindigkeiten viel schlechter einschätzen als Erwachsene. Wie viele Unfälle auf dem Schulweg geschahen, wird bei der Polizei nicht statistisch erfasst. Insgesamt verunglückten 2007 in Berlin 845 Kinder. 691 von ihnen wurden leicht verletzt, 153 schwer. Ein Kind wurde getötet: Die zwölfjährige Lia starb auf ihrem Fahrrad, ein abbiegender Lastwagen hatte sie überrollt. Nach diesem Unfall hatte die grüne Verkehrsexpertin Claudia Hämmerling gefordert, Tempo 30 überall da zu verhängen, wo es keine Radspur gibt. Autofahrer sollten vor dem Abbiegen zudem grundsätzlich anhalten müssen, um sich zu vergewissern, dass die Straße frei ist. Dieser rigorose Vorschlag wurde von der Verkehrsverwaltung jedoch abgelehnt.

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