Berliner Bus-Erlebnis : Diese verspätete Fahrt endet hier - abrupt

UPDATE Wie ein Busfahrer erst mit seinem BVG-Bus zu spät kam - und dann die Fahrt einfach abbrach. Alle Fahrgäste mussten aussteigen und konnten selbst sehen, wie sie weiterkamen. Ein Erlebnisbericht aus dem Berliner Nahverkehr - und eine genauso späte wir merkwürdige Erklärung der BVG.

Frank Bachner

Der BVG-Bus hat die Wagennummer 1095. Natürlich achtete niemand darauf, warum auch?  Die Fahrgäste stiegen einfach ein. Sie konnten ja nicht wissen, dass die Nummer ein paar Minuten später wichtig würde. Sie konnten ja nicht wissen, dass sich zumindest vier Fahrgäste diese Nummer sehr genau einprägen würden. Denn im Bus 1095, auf der Linie 106, die am U-Bahnhof Seestraße endet, hatten sie ein ganz besonderes Erlebnis.

Der Bus hatte ca. 15 Minuten Verspätung, das war noch durchaus alltäglich. Der Busfahrer starrte mürrisch an den Fahrkarten vorbei, die man ihm flüchtig entgegenstreckte. Das war auch noch alltäglich. Erst kurz vor der Haltestelle S-Bahnhof Südkreuz, gegen 9.20 Uhr, wurde Bus 1095 zu etwas Besonderem. Denn da verkündete der Fahrer übers Mikrofon seinen verblüfften Fahrgästen: „Aufgrund der bemängelten Verspätung endet dieser Bus am S-Bahnhof Südkreuz. Alle Fahrgäste steigen aus, ausnahmslos. Sie können dann den nächsten Bus nehmen, der kommt pünktlich.“ Es dauerte ein paar Sekunden, bis wohl jedem klar geworden war, dass er eine Zwangspause einlegen muss. „Das glaube ich ja wohl nicht“, brummte ein Mittdreißiger mit schütterem Haar. Andere Fahrgäste blickten unverändert verblüfft. Gut, der Vorplatz des S-Bahnhofs Südkreuz macht ja schon was her, da gibt’s ja schon was zu sehen: bunte Schaufenster, andere Busse, die ganz regulär ihren Fahrplan einhalten, parkende Autos und natürlich viele Menschen. Aber sie wären doch gerne weitergefahren, die Fahrgäste.

Durften sie aber nicht. Vielleicht lag’s an der Verblüffung, vielleicht hatte der Fahrer gerade eine Gruppe besonders leidensfähiger Berliner transportiert, vielleicht waren die meisten Gäste ja sogar Touristen und dachten, das sei einfach so in Berlin - wer meckert, fliegt raus, hier greift die Sippenhaft -, jedenfalls hielt sich die verbale Widerstandskraft in Grenzen. Die meisten protestierten nicht, sondern stiegen brav aus.  Nur der Mittdreißiger stampfte zum Fahrer. Der verärgerte Gast war 1,90 Meter groß, er war ziemlich sauer, aber das bewirkte wenig. Sein Name? Da antwortete der Fahrer bloß mit dem lakonischen Hinweis auf die Busnummer. 1095.

Die Nummer prägten sich außerhalb des Busses allerdings auch drei weitere Fahrgäste ein, die gerade hatten aussteigen müssen. Die 15 Personen, die gerne eingestiegen wären, registrierten verblüfft, dass der Busfahrer nicht bloß die Türen fest verschlossen hielt, sondern auch, dass ihr Bus plötzlich nicht mehr zum U-Bahnhof Seestraße fuhr. Stattdessen tauchte in den Sichtfenstern das Wort „Betriebsfahrt“ auf. Aber auch hier hielt sich die Widerstandskraft in Grenzen. Die Touristen sind überall. Eine Frau zog ihr Handy und murmelte: „Ich komme später. Der Bus fährt hier nicht weiter.“ Warum, das wusste sie nicht. Den Busfahrer konnte sie nicht befragen, der hatte sich hinter seinen verschlossenen Türen verschanzt. Der Rest blickte verständnislos. Ein paar Sekunden jedenfalls. Dann klärte sie ein Fahrgast auf: „Der Busfahrer nimmt Sie nicht mit, weil er beleidigt ist.“ Das war kurz und prägnant, aber nicht falsch. Aber das Wetter war schön, die Schaufenster waren bunt, es gab Busse, die losrollten, ohne auf Betriebsfahrt zu sein, es gab viel zu sehen an diesem Morgen  auf dem Vorplatz des S-Bahnhofs Südkreuz. Gut, im nachfolgenden Bus wurde der Platz etwas knapp, aber  so ist das halt. Kismet. Wichtig war nur, dass man so etwas klaglos erträgt.

Ob der Busfahrer eigenmächtig gehandelt hat oder von der Leitstelle aufgefordert wurde, seine verspätete Fahrt abzubrechen, wie dies zuweilen geschieht, blieb unklar. Da muss man ja die Fahrgäste auch nicht informieren. Weitere Auskünfte über den Fall stellte die BVG auf Anfrage von Tagesspiegel.de für den Nachmittag in Aussicht. Spät kam dann tatsächlich eine Erklärung: Angeblich war die Tür am Bus kaputt, der Fahrer sei deshalb von der Leitstelle zurückgerufen worden. Schade nur, dass die Fahrgäste im Bus darüber nicht informiert wurden.

Mitarbeit: kt

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