Blankenfelde-Mahlow fürchtet Fluglärm : Flugrouten seien "Kniefall vor den Berlinern"

Fluglärm gab es in Blankenfelde-Mahlow schon immer. Nach der Flugrouten-Entscheidung dürfte er unerträglich werden, fürchten die Bewohner.

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Lautstark. Beim Thema Flugrouten haben viele Bürger bewiesen, dass sie mitreden wollen.Weitere Bilder anzeigen
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13.01.2012 21:01Lautstark. Beim Thema Flugrouten haben viele Bürger bewiesen, dass sie mitreden wollen.

Blankenfelde-Mahlow – Den Lärm der Flugzeuge haben sie hier schon immer. Alle paar Minuten ziehen die startenden Flugzeuge vom Flughafen Schönefeld über die Häuser in Blankenfelde-Mahlow hinweg. Die Gemeinde mit 26 000 Einwohnern liegt wenige Kilometer westlich genau in der Flugschneise. „Hier herrscht Frust“, sagt Gerhard Kalinka, Vorsitzender der SPD/Grünen-Fraktion im Kreistag von Teltow-Fläming. Denn es wird noch mehr Lärm geben, wenn 2012 der neue Flughafen Berlin-Brandenburg International (BBI) in Betrieb geht. Nach dem Machtwort von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ist klar: Die bisherigen Routen- Pläne der Flugsicherung sind vom Tisch. „Das ist ein Rückschritt. Genau damit sollte Blankenfelde-Mahlow, die am stärksten betroffene Gemeinde, entlastet werden, ganz weg wäre der Lärm aber nie“, sagt Kalinka.

Tatsächlich hatte die Flugsicherung ein Überfliegen des Ortes bislang als „unzumutbar“ bezeichnet und wollte die Routen für startende Flugzeuge nach Norden und Süden abknicken lassen. Jetzt soll es vom BBI nur noch einen Geradeausflug geben, die Jets donnern dann geradewegs über Blankenfelde-Mahlow hinweg. Kalinka nennt Ramsauers Entscheidung einen „Kniefall vor den Berlinern“, weil der Süden der Stadt nun nicht mehr überflogen werden soll. Seit Jahren, schon in den Neunzigern, hatten die Menschen in Blankenfelde-Mahlow gegen den Fluglärm protestiert, nicht erst seit dem Streit um die Routen. An den Laternenmasten hängen schwarze Schilder: „Kein Nachtflug“, steht darauf. „Jetzt wo die Berliner ähnlich aktiv werden wie wir, passiert was. Wer am lautesten schreit, der bewegt etwas.“

Dabei gäbe es nicht einmal belastbare Zahlen, keine Analyse über den zu erwartenden Lärm im Berliner Süden mit Lichtenrade und Wannsee oder für Potsdam und das Umland mit Kleinmachnow und Stahnsdorf. Genau dort aber hatte sich seit Bekanntwerden der Routenpläne massiver Widerstand formiert, 30 Bürgerinitiativen machten Druck. Das hat gewirkt. Aufgeschreckt vom Bürgerprotest waren sich Bund, Berlin und Brandenburg schnell einig: Die Routenvorschläge lassen sich nicht umsetzen.

Das Debakel um den neuen Flughafen in Bildern
Ende August 2012 hatte der Regierende Bürgermeister und Aufsichtsratvorsitzende des BER, Klaus Wowereit, noch die Verantwortung für das Flughafen-Desaster übernommen. Am 24.05.2013 wies er jedoch eine persönliche Verantwortung für die mehrfache Verschiebung des Eröffnungstermins im BER-Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses von sich. Doch nun, Mitte Dezember ist sein Comeback als Aufsichtsrat sicher.Weitere Bilder anzeigen
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13.12.2013 10:52Ende August 2012 hatte der Regierende Bürgermeister und Aufsichtsratvorsitzende des BER, Klaus Wowereit, noch die Verantwortung...

„Alles Hysterie. Hier werden Emotionen und Ängste benutzt“, sagt Kalinka. „Wir reden in Wannsee und Potsdam von Belästigung durch Flugzeuge, nicht über echte Gesundheitsgefährdung wegen des Lärms durch Stress und Schlafmangel wie bei uns. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen.“

Dabei hatte Ramsauer den Abschied von den abknickende Routen weniger mit dem Lärm begründet, sondern mit mangelndem Bedarf an parallelen Starts auf den beiden BBI-Pisten. Daher könnten die Flugzeuge nun auch im Geradeaus-Flug starten. Für die Menschen in Blankenfelde-Mahlow hat das lautstarke Folgen. In den ersten Betriebsjahren ist mit rund 270 000 Flugbewegungen zu rechnen. Mit Eröffnung des BBI soll es dort zwischen Juni und Dezember 2012 rund 140 000 Flugbewegungen geben. Das entspreche rechnerisch 670 Starts und Landungen pro Tag, wie Brandenburgs Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger jetzt auf eine parlamentarische Anfrage mitteilte. Damit wird die Zahl der Starts und Landungen in Schönefeld schon im ersten Betriebsjahr des BBI deutlich höher sein als bisher.

Bereits in den vergangenen Jahren hatte der Flugbetrieb in Schönefeld ständig zugenommen. Im Jahr 2000 wurden 46 364 Flugbewegungen gezählt, im Jahr 2006 waren es schon 65 508 und zwei Jahre später 67 337 Flugbewegungen.

„Das wird immer mehr“, sagt Irine Zernick. Sie hat 2002 mit ihrem Mann auf einem Erbgrundstück in Blankenfelde ein Haus gebaut. „Damals haben wir nicht erwartet, dass es so viel und laut wird. Wenn das so weitergeht, ist das nicht mehr erträglich.“ Jetzt will Zernick das Haus verkaufen. „vielleicht wird das schwierig, wenn noch mehr Lärm kommt. Aber hier ziehen immer noch Leute her, besonders Berliner, die stört das nicht.“

Nina Kühnemann ist so eine Berlinerin. Sie ist im Juni nach Mahlow zu ihrer Großmutter gezogen und hat sich in deren Haus das Dachgeschoss ausgebaut. Die Studentin wollte weg aus Tegel gerade wegen des Fluglärms und in den grünen Vorort im Süden Berlins Ruhe finden. „Wir haben darauf vertraut, dass die Routen um den Ort herumgeführt werden.“ Die Großmutter Irmgard Jentzsch lebt seit 50 Jahren hier und kann mit der Debatte um den Fluglärm nichts anfangen. „Den Krach hat es schon immer gegeben. Man wollte den BBI, weil er Arbeitsplätze schafft.“ Und die „da oben“ würden schon die richtige Entscheidung über die Flugrouten treffen, „unsere Politiker sind doch keine Idioten“.

Kalinka aber hat den Glauben verloren, brandenburgische Regierungspolitiker ließen sich nur noch selten in Blankenfelde-Mahlow sehen, sagt er. „Hier wird entschieden nach dem Motto, einen muss man ja opfern für den Lärm.“

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