Energie-Wechsel : Die BVG will auf Atomstrom verzichten

Der Energie-Wechsel wird gewünscht – aber nur, wenn er sich rechnet. Andere deutsche Verkehrsunternehmen machen es bereits vor.

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Einstieg in den Ausstieg. 17 Prozent des Stroms stammen bei der BVG aus Atomkraftwerken. Jetzt erwägt das Unternehmen den Ausstieg. Die S-Bahn will nur mitmachen, wenn der Senat die Zeche zahlt.
Einstieg in den Ausstieg. 17 Prozent des Stroms stammen bei der BVG aus Atomkraftwerken. Jetzt erwägt das Unternehmen den...Fotos: Kitty Kleist-Heinrich, Montage: Thomas Mika

Die BVG prüft den Ausstieg aus dem Atomstrom. 17 Prozent seines Bedarfs an elektrischer Energie bezieht das Unternehmen derzeit aus Kernkraftwerken. Damit soll jetzt Schluss sein – falls die Rechnung finanziell aufgeht. Den Prüfauftrag zum Einstieg in den Ausstieg habe BVG-Chefin Sigrid Evelyn Nikutta bereits vor der Katastrophe in Japan angeordnet, sagte Unternehmenssprecherin Petra Reetz.

Um günstig an den Strom zu kommen, hat sich die BVG für einen Mix beim Bezug entschieden: Lieferanten sind Vattenfall und Rhein-Energie sowie mehrere kleinere Anbieter. 60 Prozent des Stroms stammen nach Angaben von Reetz aus Kohle- oder Gaskraftwerken, 23 Prozent aus erneuerbaren Energien, vor allem aus Wasserkraftwerken, und eben 17 Prozent aus Atomkraftwerken, die den Strom relativ günstig anbieten. Reetz korrigierte damit frühere Angaben, wonach gut 60 Prozent des Stroms der BVG aus erneuerbaren Quellen komme. Mehr als 430 Millionen Kilowattstunden verbraucht die BVG im Jahr; rund 100 Millionen Euro gibt sie für Strom und den Bezug von Diesel aus.

Die Beschaffungskosten sollen nach einem Verzicht auf den Atomstrom nicht steigen, sagte Reetz. Deshalb werde jetzt geprüft, wie der künftige Strommix aussehen könne. Zupass kommt der BVG dabei, dass sie in den vergangenen Jahren ihren Energieverbrauch senken konnte. Moderne Straßen- und U-Bahnen verbrauchen weniger Strom und geben beim Bremsen zudem Energie ins Netz zurück, die andere Bahnen dann nutzen können. Mit dem Prüfauftrag zum Ausstieg hat Sigrid Evelyn Nikutta die Politik ihrer Vorgänger im Amt aufgegeben. Der frühere Vorstand hatte einen Verzicht noch abgelehnt.

Andere Verkehrsunternehmen in Deutschland sind allerdings schon weiter. Die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft etwa lässt ihre Straßenbahnen seit Herbst 2007 ausschließlich mit Strom aus Wasserkraftwerken fahren. „Wir fühlen uns der Gesellschaft verpflichtet. Dies bedeutet auch, Verantwortung für den Umweltschutz zu übernehmen“, begründet der Vorstandsvorsitzende Andreas Helbig diesen Schritt.

Die S-Bahn in Hamburg ist am 1. Januar 2010 auf Ökostrom umgestiegen, der ebenfalls in Wasserkraftwerken erzeugt wird. Damit sei die S-Bahn Hamburg das erste Eisenbahnverkehrsunternehmen in Deutschland, das ausschließlich Ökostrom für den Fahrzeugbetrieb einsetze und somit den CO2-Ausstoß um jährlich rund 60 000 Tonnen reduziere, wirbt das Unternehmen. Das Öko-Globe-Institut zeichnete die S-Bahn dafür mit einem Umweltpreis aus. Die umweltfreundliche Stromerzeugung für die S-Bahn trug auch dazu bei, dass Hamburg „Umwelthauptstadt Europas 2011“ wurde.

Auch die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) kaufen keinen Atomstrom ein. Die ÖBB habe als größtes Verkehrsunternehmen des Landes eine große Verantwortung für kommende Generationen, sagt Gabriele Lutter, Vorstandssprecherin der ÖBB-Personenverkehr AG. „Wir legen daher Wert darauf, dass wir Energie aus sicheren Quellen beziehen.“ Fast 90 Prozent ihrer Energie stammt nach ÖBB-Angaben aus Wasserkraftwerken; der Rest verteilt sich auf erneuerbare Energie. „Grüner Strom“ wäre auch für die Berliner S-Bahn wünschenswert, teilte ein Sprecher mit. Bei dem großen Netz würde das aber zu Mehrkosten in Höhe eines größeren Millionenbetrages führen. Alle finanziellen Resourcen flössen jedoch in die technische Stabilisierung der Fahrzeuge, in Rückzahlungen an die Länder und die Entschuldigungsleistungen für die Fahrgäste. Die S-Bahn würde es aber sehr begrüßen, wenn Berlin und Brandenburg bei der Neuvergabe des Betriebs ab Mitte Dezember 2017 entsprechende Vorgaben zum Strombezug machen würde. Die höheren Kosten müssten dann allerdings die Länder mit höheren Zuschüssen ausgleichen, machte der Sprecher klar.

Der Bahnkonzern bietet im Güterverkehr auch Fahrten mit Ökostrom an – gegen Aufpreis. Erster Kunde war Audi.

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