Flughafen-Schließung : Die Lotsen von Tempelhof gehen von Bord

Ende Oktober schließt der Flughafen Tempelhof. Das Tower-Personal zieht schon jetzt nach Schönefeld um. Doch der Abschied von Tempelhof fällt schwer.

Christian van Lessen

Wer wird den letzten Flug abfertigen? Der Kalifornier Bruce Christie ist dabei. Er kam einst mit der US-Luftwaffe nach Berlin und fing 1985 als Fluglotse im Tower Tempelhof an. Er liebt den Airport und hätte es noch vor Monaten nicht für möglich gehalten, dass der Flughafen und sein Tower wirklich dicht machen. Es wird ein sehr schwerer Abschied.

Mit Sicherheit stoßen sie hier, nach dem letzten Abflug und nach dem letzten Dienstschluss in Tempelhof, nicht mit Sekt an. Die gedrückte Stimmung spricht dagegen. Sie werden wohl ganz einfach nur die Lichter löschen und gehen. Dietmar Hildebrandt, der Leiter von 14 Lotsen, die im Schichtdienst rund um die Uhr den Flugraum beobachten (mit zwei Mann ist der Tower stets besetzt), wird hier den letzten Tag verbringen. Das Personal wurde noch mal für die letzten drei, vier Tage aufgestockt, weil zum Finale mehr Flüge erwartet werden. Und nach dem letzten Flug bleibt Tower Tempelhof bis 24 Uhr aktiv, dann übernimmt, wie auf Knopfdruck, der Tower Schönefeld die Überwachung des Luftraums, der sonst zu Tempelhof gehörte. So überwacht Schönefeld beispielsweise auch die Hubschrauber-Rettungsflüge.

Kein Lotse der Deutschen Flugsicherung wird arbeitslos, die meisten wechseln gleich nach Schönefeld, fünf Kollegen verstärken das Team in Tegel. Hildebrandt fängt schon am nächsten Tag als „Supervisor“ in Schönefeld an, wo er vor der Wende ausgebildet wurde. Aber 18 Jahre Tempelhof-Tower lassen sich nicht so schnell verwinden. „Wir können aber nichts ändern“, sagt er traurig, „wir kommen nicht an der Politik vorbei“.

Der Tower, überm sechsten Stock eines Gebäudeteils am Tempelhofer Damm gelegen und höchster Punkt am Rollfeld, bleibt erhalten. Er steht wie das Flughafengebäude unter Denkmalschutz. Von oben erstreckt sich eine grüne Oase, unterbrochen von zwei Rollbahnen. Rund 500 Starts und Landungen werden von hier noch wöchentlich überwacht, dazu eine Kontrollzone, die rund 20 Kilometer in alle Richtungen reicht und 900 Meter hoch ist. Jedes Kleinflugzeug, das hier vorbeifliegt, muss sich beim Tower melden, um nicht mit dem Start- und Landeverkehr zu kollidieren.

Nein, sagt Hildebrandt, tränenreich wird der Abschied vom Tower nicht. Fluglotsen sind Realisten. „Ich hoffe, dass auf dem Gelände die tollen Landschaften entstehen, die sich der Senat vorstellt“, sagt er. Es klingt sehr bitter und ironisch. Christian van Lessen

Countdown für Tempelhof – unsere tägliche Serie. Morgen lesen Sie ein Pro und Contra zum Thema: Ein Volksfest zum Abschied?

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