Flughafen-Schließung : LOT - Landet ooch Tempelhof

Ende Oktober schließt der Flughafen Tempelhof. Als vorgeschobener politischer Westposten war er oft Ziel von Entführungen aus dem Osten. Die Fluggesellschaft LOT landete stets unplanmäßig auf dem Rollfeld und erregte immer Aufmerksamkeit.

Christian van Lessen
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Abschiedsrunden. Der Countdown für die Schließung des Traditionsflughafens läuft. -Foto: Thilo Rückeis

BerlinEs erregte immer viel Aufsehen, wenn Maschinen dieser Fluggesellschaft in Tempelhof landeten. Viele Schaulustige fanden sich dann am Tempelhofer Damm ein, um mit der Nase am Maschendrahtzaun und mit Ferngläsern vor Augen einen Blick auf das gelandete Flugzeug zu erhaschen. "Landet ooch Tempelhof", flachsten die Leute, wenn sie auf dem Flugzeug das schon gewohnte Kürzel "LOT" lasen. Die polnische Gesellschaft landete in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren stets unplanmäßig auf dem Rollfeld des Flughafens Tempelhof, rund 20 Mal wurde er als vorgeschobener politischer Westposten das offenbar nächstliegende Ziel von Flugzeugentführungen aus Richtung Ost.

Auch diese tragisch-kuriosen, stets aber auch (politisch) gefährlichen Ausflüge gehören zur Geschichte des Flughafens. Der hatte schon damals seine große Zeit wegen der Eröffnung des neuen Flughafens Tegel hinter sich, bot dafür genügend Freifläche,war in vielen alten Karten, die in der DDR und im übrigen Ostblock verbreitet waren, gut verzeichnet. Die erste große spektakuläre Fluchtaktion gab es 1978, als beim Flug ein DDR-Bürger die Stewardess mit einer Schreckschusspistole bedrohte und den Piloten einer LOT-Maschine zur Landung in Tempelhof zwang. Neun weitere Ostdeutsche an Bord wollten nicht mehr zurück, die DDR-Nachrichtenagentur ADN sprach von einer "von westlichen Geheimdiensten gesteuerten Provokation". Drei Monate später stand der Entführer vor Gericht. Ein amerikanischer Richter - die USA fühlten sich als Hausherren des Flughafens im amerikanischen Sektor zuständig - verhängte den Haftbefehl, verhandelt wurde unter US-Flagge im Flughafen. Der "United States Court for Berlin" trat zusammen. Zur Vorauswahl der zwölf Geschworenen waren 500 Bewohner des amerikanischen Sektors geladen, standen Schlange vor der Haupthalle, wurden von sowjetischen Soldaten in Zivil fotografiert: Szenarien des Kalten Krieges.

Der Richter verurteilte den Angeklagten zu neun Monaten wegen Geiselnahme, setzte ihn unter Anrechnung der Untersuchungshaft schließlich auf freien Fuß. Die DDR sprach von einem Terroristen, Polen protestierte bei den Amerikanern, es gab politische Verwicklungen auf höchster Ebene.

In den nächsten Jahren häuften sich die Landungen, eine polnische Maschine wurde gar bis Tempelhof von sowjetischen Düsenjägern verfolgt. Der polnische Entführer wurde festgenommen,die 50 Passagiere erhielten von den Amerikanern Verpflegung. Diese überließen nun den deutschen Behörden weitere Ermittlungen. Ende 1982 gab es bereits die elfte Entführung, unter anderem hatte selbst der Chefpilot der LOT seine Antonow 24 mit 19 Passagieren von Warschau nach Tempelhof geflogen, um mit seiner Familie um Asyl zu bitten. Immer wieder landeten auch kleinere Propellermaschinen. Die Berliner lernten so ziemlich alle im Ostblock gängigen Flugzeugtypen kennen. Die LOT, übrigens eine der ältesten Fluggesellschaften der Welt, schien mit der Zeit zu Tempelhof zu gehören. Auch im regulären Flugplan gilt längst für die LOT: "Landet ooch (in) Tegel." Christian van Lessen

Countdown für Tempelhof - unsere tägliche Serie. Morgen lesen Sie: Ab nach China - das erste Mal schon 1926.

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