Flughafen-Schließung : Tempelhof - das Wollfeld

Der Abschied rückt unerbittlich näher: In 15 Tagen schließt der Flughafen Tempelhof. Dann könnten dort wieder Schafe weiden - so wie damals.

Christian van Lessen
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Tiere unter Tower. Bis in die 90er grasten Schafe in Tempelhof. -Foto: ddp

Bei Starts und Landungen waren sie oft die ersten oder letzten Lebewesen, die von Fluggästen auf Berliner Boden gesichtet wurden. Die Schafe scherten sich nicht um den Flugverkehr, sondern grasten unbeirrt vom Lärm auf dem weiten Tempelhofer Feld, hielten das Gras kurz. Bis zu 500 Tiere zählte die Herde des Schäfers Siegfried Hondo in den achtziger Jahren. Tempelhof – das war ein rührendes Stück Landwirtschaft in der Großstadt. Heute leben noch 500 Schafe in Berlin – aber keines auf dem Flugfeld.

Planungstechnisch ist die Tierhaltung unterm Tower nach dem neuen Flächennutzungsplanentwurf möglich, weil ein Teil des Geländes als „Feld, Flur und Wiese“ ausgewiesen ist. Die Schafhaltung sei künftig nicht ausgeschlossen, aber doch eher unwahrscheinlich, meint Manuela Damianakis von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Seit 1991 – es gibt unterschiedliche Zeitangaben – hat es nach Auskunft der Behörde keine große Schafherde mehr gegeben. Die deutsche Flugsicherung soll letztlich die Schafe des Feldes verwiesen haben.

Aber der Hirte mit seiner Herde auf dem Tempelhofer Feld hat sich tief ins Gedächtnis vieler Berliner eingegraben und nicht wenige suchen noch heute, wenn sie etwa mit dem Auto auf der Stadtautobahn am Flugfeld vorbeirollen, fast wehmütig nach einer grauen Masse, die irgendwo da draußen auf der weiten Grünfläche friedlich weiden könnte.

Doch der Herde und des Schäfers Spuren haben sich verloren, schon Ende der achtziger Jahre hatte er angedeutet, sich mit der Herde zurückzuziehen, weil die Geschäfte mit dem Lammfleisch nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl nicht mehr so liefen. Auch mit dem Wollpreis ging es bergab. Die Zahlen seien geradezu „belämmert“. Da war Hondo, gelernter Betonbauer, schon gut zehn Jahre auf dem Feld, 1979 hatte er die Schäferei übernommen. Er machte trotz mieser Geschäftsaussichten weiter, war eben Schäfer aus Leidenschaft.

Weil der Flugplatz als Militärgelände galt, wurden Herde und Stall am Rand des Feldes streng von US-Soldaten bewacht. Fotografieren war fast unmöglich. Außerdem war noch der Zaun drumrum. Den Winter verbrachten die Schafe in Kladow. Von dort brach eine andere Herde regelmäßig zum Flughafen Gatow auf, um dort zu weiden. Sie hatte es ruhiger. Christian van Lessen

Morgen lesen Sie: Von Tempelhof in die Sonne – die ersten Ferienflüge.

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