Flughafen Tempelhof : Für immer Fan

In 16 Tagen schließt der Flughafen Tempelhof. Gerry Hogg hat hier lange gedient.

Christina Kohl
Gerry Hogg Foto: Kai-Uwe Heinrich
Vor 30 Jahren kam Gerry Hogg als Soldat nach Berlin. Heute betreibt er ein Geschäft für Footballartikel in Friedenau. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Gerry Hogg wüsste schon, was man mit TCA alles anfangen könnte. TCA, so nennt Hogg den Flughafen, der bald keiner mehr ist: Tempelhof Central Airport. Und Gerry Hogg nennen alle nur Boss. Vor 30 Jahren kam der Texaner als Soldat nach Berlin. Nach dem Abzug der amerikanischen Truppen blieb er – und betreibt mittlerweile den „Boss Cheer Corner“, ein Geschäft für Football- und Cheerleading-Artikel in der Beckerstraße in Friedenau. Gar nicht so weit weg von TCA.

Ein „komisches Gefühl“ sei das, wenn er jetzt am Flughafen vorbeifahre, richtig tot sei der. „Wenn ich das Geld hätte“, sagt Hogg mit seiner tiefen Stimme und mit breitem amerikanischem Akzent, „würde ich da ein Football-Stadion hinsetzen.“ Ein ganzes American-Sports-Zentrum schwebt ihm auf dem Flugfeld vor, die Gebäude würde er als Schulen nutzen. Egal ob deutsche, türkische oder arabische Kinder, egal ob arm oder reich, alle sollen hier gemeinsam lernen, das ist die Vision von Boss. Eine Vision für die Zukunft, denn „Tempelhof war die Zukunft und ist die Zukunft“, da ist sich Boss sicher.

18 Jahre war Gerry Hogg jung, als für ihn die Zukunft begann. Die Army schickte ihn nach Deutschland, nach Berlin, in den amerikanisch besetzten Westteil der Stadt. Er wollte schon immer hierher, sagt Hogg, dieser Riese von einem Mann: Er wollte alles über die deutsche Kultur wissen, wie die Menschen es schafften, das Land aus den Kriegstrümmern zu heben. Den jungen Afroamerikaner interessierte das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden.

Beeindruckend. Das Wort fällt immer wieder, spricht Boss von der Army-Zeit. Rund 6000 seiner Landsleute waren seit den sechziger Jahren in Berlin stationiert, davon etwa 5000 Mitglieder des Heeres, so wie er. Als Fahrer begleitete Gerry Hogg den Austausch russischer und amerikanischer Spione auf der Glienicker Brücke in Potsdam, sah die Airforce One mit Tornado-Eskorte im Landeanflug auf TCA, und Präsident Ronald W. Reagan, wie er die Maschine verließ. Am meisten geprägt aber haben Boss die Momente, in denen er den Berlinern in die Augen sah. An den Tagen der Offenen Tür, zum Beispiel, und bei den Paraden zum amerikanischen Unabhängigkeitstag am 4. Juli. Dann marschierten die Soldaten, zogen mit Panzern über die Zehlendorfer Goerzallee: „Da war der Deutsche glücklich.“

Mit dem Fall der Mauer war klar, dass die US-Truppen bald abziehen würden. 1993 übergab die US Air Force TCA an die Berliner Flughafen-Gesellschaft. Gerry Hogg arbeitete zunächst als Fahrer für die Berliner Polizei, ging dann zurück in seine texanische Heimat – als Football-Coach an seine frühere Highschool. Dort bleiben aber wollte er nicht. „Meine Familie, meine Kids waren hier.“ Zwei Kinder hat er mit seiner ersten Freundin, seine spätere Frau lernte er 1984 bei einem Footballturnier kennen. Nach einem Jahr kam er zurück, nach Hause, nach Deutschland. Christina Kohl

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