Gedränge : S-Bahn verkürzt Züge der Linien S1 und S2

Das Gedränge in der S-Bahn dürfte noch größer werden: Die Züge der Linien S1 und S2 werden von acht auf sechs Wagen gekürzt. Freie Plätze sind schon lange ein Glücksfall für Fahrgäste.

Klaus Kurpjuweit
S-Bahn
In vollen Zügen genießen. Bei der S-Bahn fehlen Fahrzeuge, deshalb wird es eng auf einigen Linien.Foto: Kai-Uwe Heinrich

S-Bahn-Fahrgäste brauchen mehr Stehvermögen: Das Unternehmen verkürzt die Züge der Linien S1 (Oranienburg - Wannsee) und S2 (Blankenfelde - Bernau). Bereits am Freitag wurde es im Berufsverkehr eng in den Zügen, denn statt acht Wagen pro Zug fahren nur noch sechs. Wie die S-Bahn Berlin GmbH mitteilte, werden mehr Wagen für zusätzliche Sicherheitsprüfungen aus dem Verkehr gezogen als bislang.

Unterdessen gibt es einen Wechsel in der Geschäftsführung. Bereits am Freitag übernahm Peter Büsig die Position des Geschäftsführer Produktion von Ulrich Thon. Ersterer  war bisher in Hannover als Mitglied der Regionalleitung für den Bereich Produktion und Technik des Nahverkehrs in Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein verantwortlich. Thon wechselt in die DB Regio-Zentrale in Frankfurt am Main. Das beschloss der Aufsichtsrat der S-Bahn Berlin GmbH am Donnerstag. 

Thon war bei der S-Bahn für den technischen Bereich zuständig - und heftig umstritten (Tagesspiegel berichtete). Für einen Großteil der Belegschaft gilt er als Feindbild, da unter seiner Führung die Zahl der Mitarbeiter drastisch reduziert und viele Fahrzeuge verschrottet wurden. Auch für die "Chaostage" im Februar, als tagelang Züge ausfielen, wird er von Kritikern verantwortlich gemacht.

Wagenmangel kann dauerhaft werden

Freie Sitzplätze in der S-Bahn sind schon lange ein Glücksfall für Fahrgäste. Jetzt aber müssen sie sich zumindest in den Hauptverkehrszeiten auch noch um Stehplätze rangeln. Nach Angaben von Fahrgästen waren Züge in den vergangenen Tagen zum Teil so voll, dass nicht alle Wartenden einsteigen konnten. Weil die S-Bahn derzeit zu wenig einsatzfähige Fahrzeuge hat, verkehren die Züge oft mit weniger Wagen als planmäßig vorgesehen. Und der Wagenmangel kann dauerhaft werden. Dabei nimmt die Zahl der Fahrgäste bisher stetig zu.

Die meisten Probleme machen ausgerechnet die neuesten Züge, die den größten Anteil bei der Fahrzeugflotte stellen. Von 630 sogenannten Viertelzügen, die aus zwei Wagen bestehen, gehören 500 zur Baureihe 481, die für 1,2 Milliarden Euro in den 90er Jahren angeschafft worden war.

Nachdem am 1. Mai in Kaulsdorf ein Zug dieser Baureihe wegen eines Radbruchs entgleist war, müssen die Räder der Fahrzeuge dieser Baureihe im Wochenrhythmus statt alle 14 Tage untersucht werden. Dazu hat sich die Geschäftsführung, wie sie mitteilte, selbst verpflichtet. Nach Tagesspiegel-Informationen hat sie damit eine förmliche Anordnung der kürzeren Prüffristen durch das aufsichtsführende Eisenbahn-Bundesamt verhindert. Vorher waren bei dieser Baureihe bereits die Prüffristen für die Achsen verkürzt worden. Zudem müssen bei diesen Fahrzeugen nach einem Auffahrunfall die Bremsanlagen modifiziert werden. Weil es auch noch Probleme mit der Signaltechnik gibt, dürfen Züge aller Baureihen außerdem nur noch mit maximal 80 km/h statt mit 100 km/h fahren.

Keine neuen S-Bahnen in Sicht

Durch das Verkürzen der Prüffristen müssen die Bahnen häufiger in die Werkstatt als geplant und fehlen dann im Betrieb. Das Fahrzeugkonzept der S-Bahn war darauf nicht eingestellt. Um Kosten zu sparen, hat die Geschäftsleitung die Zahl der Fahrzeuge in den vergangenen Jahren drastisch reduziert und Züge verschrottet sowie Werkstätten geschlossen. Grundlage dabei war jedoch der Normalbetrieb, der aber auch schon kürzere Züge vorsah. So fahren selbst auf dem nachfragestarken Ring Züge planmäßig nur mit sechs statt mit acht Wagen. Nach den Sparmaßnahmen reichen die Kapazitäten nicht mehr aus. Die Reparatur von Fahrzeugen der in der DDR entwickelten Baureihe 485, die Risse im Boden haben, musste die S-Bahn daher zum Teil bereits an andere Werke vergeben. Mitarbeiter befürchten, dass auch noch die Hauptwerkstatt in Schöneweide aufgegeben wird und nur noch zwei Werkstätten übrig bleiben – in Grünau und Wannsee.

Neue Fahrzeuge will die S-Bahn GmbH derzeit nicht beschaffen, weil nicht klar ist, ob sie nach 2017 weiterfahren darf. Da der Betrieb des S-Bahn-Netzes ausgeschrieben wird, kann die Bahntochter diesen Auftrag verlieren und will deshalb kein Geld für neue Züge ausgeben. Allerdings richtet die S-Bahn wieder acht bereits abgestellte Wagen der Baureihe 485 für den Betrieb her, was rund zwei Millionen Euro kosten soll.

Insider schließen nicht aus, dass das Eisenbahn-Bundesamt anordnet, die Fristen für die Untersuchung der Fahrzeuge bei der Reihe 481 abermals zu verkürzen, um die Sicherheit zu verbessern. Das Intervall ist bereits von 120 000 auf 60 000 Laufkilometer reduziert worden. Jetzt soll eine Prüfung bereits nach 30 000 Kilometern im Gespräch sein. Dann bliebe der Wagenmangel auf Dauer erhalten und der Stehplatz fast garantiert. (mit jg/dpa)

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