Ihre Meinung : Braucht Berlin Vorfahrtszonen für Fußgänger?

Autofahrer müssen auf Tempo 20 abbremsen und für Fußgänger anhalten. So sieht ein Modellprojekt des Senats aus, das in der Kreuzberger Bergmannstraße ausprobiert werden soll. Wird so der Verkehr unnötig behindert? Was meinen Sie?

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Begegnungszonen gelten beim Senat als sanfter Weg für mehr Fußgängerfreundlichkeit. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinDer Senat will zwar nicht am EU-Projekt „Shared Space“ teilnehmen, steht einem anderen Modell für mehr Fußgängerfreundlichkeit in Flanierstraßen aber aufgeschlossen gegenüber. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bevorzugt gegenüber dem vor allem in den Niederlanden erprobten Shared Space die in der Schweiz zu Hunderten bestehenden Begegnungszonen. Der wichtigste Unterschied: Vorhandene Bürgersteige müssten in diesen Zonen nicht entfernt werden – anders als beim „gemeinschaftlich genutzten Raum“, dem Shared Space. „Wir würden das aber auf keinen Fall am Tauentzien oder an der Friedrichstraße machen“, so Manuela Damianakis, Sprecherin der Stadtentwicklungsverwaltung. Als Modellstraße eignen könnte sich hingegen die Bergmannstraße in Kreuzberg.

Die Tauentzienstraße also nicht. Dabei hatte der Streit um ihre Neugestaltung die Diskussion über Wege zur Entschleunigung erst entfacht. Die Charlottenburger Bürgermeisterin Monika Thiemen (SPD) hatte vorgeschlagen, sie nach holländischem Shared Space-Vorbild umzugestalten. Gemeint sind damit Straßen ohne Bordstein, die von Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern gleichberechtigt genutzt werden. Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) erteilte diesem Vorschlag, wie berichtet, eine deutliche Absage. Der Senat favorisiert Begegnungszonen, in denen Autos höchstens Tempo 20 fahren dürfen und Fußgänger stets den Vortritt haben. „Begegnungszonen sind der sanftere Weg, während Shared Space eine harte Probe für die Autofahrer bedeuten würde“, sagt Damianakis. Denn Parkplätze sind im Shared Space nicht vorgesehen. Außerdem wäre der geteilte Raum teurer, weil die Gehwege eingeebnet werden müssten. Die Senatsverwaltung will nun die Bezirke bitten, geeignete Straßen vorzuschlagen. Die Bergmannstraße als möglicheVersuchszone wird laut Damianakis bislang unter Fachleuten diskutiert.

„Eine spannende Idee“, findet Franz Schulz (Grüne), Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg. Gerade das Miteinander der Verkehrsteilnehmer mache das Flair der beliebten Flaniermeile aus. Zwischen Südstern und Marheinekestraße ist die Bergmannstraße bereits Fahrradstraße. Diskutiert wurde vor Jahren darüber, die Straße zur Fußgängerzone zu machen. „Aber dann besteht die Gefahr einer Verödung“, sagt Schulz und verweist auf die Wilmersdorfer Straße. Die Bergmannstraße ist auch nach dem Bau des neuen Gesundheitszentrums beliebt bei Berlinern und Touristen.

Franziska Eichstädt-Bohlig, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Abgeordnetenhaus, findet, dass Begegnungszonen und Shared Space auch anderswo eine Überlegung wert sein sollten: „Es wird Zeit, dass Berlin solch mutige Beispiele am Tauentzien und an der Karl-Liebknecht-Straße initiiert.“ wek

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