Kurz vor der Schließung : Flughafen Tempelhof: Die Hoffnung fliegt noch

Abschied vom Mythos: Ende Oktober schließt Tempelhof. Die Airport-Fans haben trotzdem nicht aufgegeben.

Sven Goldmann

Links war mal ein Porzellangeschäft, und auch die Kneipe auf der rechten Seite gibt es nicht mehr. Geht alles den Bach runter in der Gegend hier, sagt Wolfgang Witzke und dass er wahrscheinlich auch dicht machen wird, wenn denn nicht ein Wunder geschieht. Über das Wunder soll im Dezember das Oberverwaltungsgericht entscheiden. Zur Verhandlung steht die vom Senat beschlossene Entwidmung des Flughafens Tempelhof, und solange die nicht juristisch sanktioniert ist, weigert Wolfgang Witzke sich zu glauben, dass wirklich alles vorbei sein soll. Mit dem Flughafen auf der anderen Straßenseite und mit seiner wirtschaftlichen Existenz. Der Flughafen ist seine Geschäftsbasis. Wolfgang Witzke verdient sein Geld mit dem Take Off, dem Fliegerladen am Tempelhofer Damm.

Rot-weiß gestreifte Windsäcke flattern vor der Eingangstür, auf der anderen Straßenseite baut sich das Luftbrückendenkmal auf. Seine drei Streben sind politisch korrekt nach Westen ausgerichtet, und für den nach Symbolik suchenden Beobachter wirkt es beinahe so, als schicke das Denkmal eine Verbeugung hinüber zum Fliegerladen. Drinnen stapeln sich Bildbände und Romane, Modellflugzeuge und Fliegeruhren, aber Wolfgang Witzke hat auch Flugsimulatoren, Navigationsinstrumente und Luftkarten im Angebot. Wer in Berlin irgendetwas kaufen will in Sachen Fliegerei, für den ist der Laden am Tempelhofer Damm Ecke Manfred-von-Richthofen-Straße die erste Anlaufstelle.

So hat das alles mal angefangen. 1992, als Wolfgang Witzke seinen Pilotenschein gemacht hat und die Freunde fragten: Was können wir dir denn schenken? Und wo können wir das kaufen? Das hat Witzke damals auch nicht gewusst, „es gab in Berlin keinen Fliegerladen, man konnte höchstens was beim Versandhandel bestellen“. Also hat Witzke selbst einen Laden eröffnet, erst an der Dudenstraße, 1999 wurden endlich Räume am Flughafen frei. Wolfgang Witzke war da, wo er immer hin wollte. Er ist in Schöneberg geboren, in Tempelhof aufgewachsen und lebt dort heute noch. Der Flughafen war immer ein Fixpunkt in seinem Leben. Neulich hat er in einer Zigarrenkiste ein Foto gefunden. Es zeigt ihn mit blondem Haar und in kurzen Hosen auf dem Rollfeld, 1965 beim Tag der offenen Tür.

Im Oktober 2008 ist das Haar längst ergraut. Mit 57 trägt Wolfgang Witzke keine kurzen Hosen mehr, sondern demonstratives Schwarz. Vier Wochen noch bis zum letzten Flug. Natürlich hat er geahnt, dass es irgendwann mal vorbei sein wird mit dem Flughafen. Aber warum denn jetzt schon? Warum warten die beim Senat nicht mit der Schließung, bis der neue Flughafen in Schönefeld fertig ist? Wolfgang Witzke hat in der Bürgerinitiative gekämpft für seinen Flughafen. Ist alles nicht so gut gelaufen bei der finalen Abstimmung im Mai. Zu viel Nostalgie sei im Spiel gewesen, findet Wolfgang Witzke, zu viel Luftbrücke und Rosinenbomber und so. „Das ist ja auch wichtig, aber ich finde, wir hätten den Leuten deutlicher darstellen müssen, dass dieser Flughafen eine Chance für die Zukunft ist. Wie viel Geld man mit Privatfliegern verdienen kann. Das ist das Geschäft der nächsten Jahrzehnte.“ Witzke hebt die Arme und senkt die Stimme. „Aber was wollen Sie auch schon groß ausrichten, wenn der Senat den Wählern sagt, sie könnten sich die Abstimmung ohnehin schenken und sollten das Wetter lieber zum Spazierengehen nutzen.“

Ein Gast betritt den Fliegerladen. Ein Stammkunde aus der Slowakei, pensionierter Luftwaffenoffizier. „Die eine Hälfte der Kunden kommt von überall her“, sagt Witzke. „Die andere arbeitet auf dem Flughafen, beim Zoll, bei der Feuerwehr oder beim Bodenpersonal. Da können Sie sich vorstellen, wie schwer mich die Schließung treffen wird.“ Der slowakische Offizier erzählt von seiner Heimatstadt, „da hatten wir auch einen Flughafen mitten in der City“. Vor zehn Jahren ist er geschlossen worden, und seitdem gehe es mit der Wirtschaft in seiner Heimatstadt bergab. „Müsst ihr hier denn den gleichen Fehler machen?“ Wolfgang Witzke sagt, so ungefähr würden alle reden, die den Weg in den Fliegerladen finden. Er würde ja so gern mal mit jemandem streiten, der anderer Meinung ist, aber er kenne leider niemanden. Selbst der Herr Müller von der Druckerei um die Ecke sei für den Flughafen, obwohl er doch im Sinne seines Sohnes dagegen sein müsste. Der Sohn, das ist Michael Müller, Chef der SPD-Fraktion, die im Abgeordnetenhaus das Aus für Tempelhof politisch verantwortet.

Vor ein paar Monaten hat Gail Halvorsen mal wieder vorbeigeschaut. Es war vielleicht sein letzter Besuch im Fliegerladen. Der Veteran der Luftbrücke wird bald 88, da fallen die langen Flugreisen über den Atlantik nicht mehr so leicht wie früher. Machen die wirklich ernst?, hat Halvorsen seinen alten Bekannten Witzke gefragt. Ja, sie machen ernst. Für den späten Abend des 30. Oktobers ist ein letzter Flug nach Schönefeld geplant. Wahrscheinlich mit einer DC-3, wie sie Halvorsen zwischen 1948 und 1949 als Blockadebrecher flog, die amerikanischen Piloten nannten sie Candy Bomber, woraus die Berliner, semantisch nicht ganz korrekt, ihre Rosinenbomber machten. Wolfgang Witzke würde nur eines ärgern. „Es wäre schon ein starkes Stück, wenn ausgerechnet der Wowereit der letzte Passagier in Tempelhof sein sollte.“Sven Goldmann


Countdown für Tempelhof – unsere tägliche Serie bis zum 30. Oktober. Am Sonntag lesen Sie: Wenn die Schutzmacht aufs Flugfeld einlud.

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