Neuausschreibung : S-Bahn: Ausweg gesucht

Das anhaltende Desaster der S-Bahn forciert die Debatte über Auswege. Während sich Linken-Landeschef Klaus Lederer für eine Übernahme der S-Bahn durchs Land aussprach, mehren sich die Stimmen für eine baldige Neuausschreibung des bis 2017 laufenden Vertrages.

Stefan Jacobs

Ein wesentliches Argument dagegen ist nach Auskunft des Verkehrsverbundes VBB dank einer neuen EU-Verordnung hinfällig: Künftig könnten in Ausschreibungsverfahren auch die sozialen Belange der Beschäftigten gewahrt werden. Die S-Bahner müssten dann nicht mehr fürchten, ihre Arbeitsplätze an schlecht bezahlte Mitarbeiter eines Konkurrenten zu verlieren, sondern könnten zu den bestehenden Konditionen übernommen werden. Der VBB empfiehlt, die Ausschreibung ab 2017 jetzt vorzubereiten.

Bahnchef Rüdiger Grube bat am Freitag via „Bild“-Zeitung erneut um Entschuldigung für das Chaos und versicherte einmal mehr, dass die Verantwortlichen konsequent zur Rechenschaft gezogen würden. Zu Informationen, wonach die Anfang Juli geschassten Geschäftsführer weiter ihre sechsstelligen Jahresgehälter beziehen, hieß es auf Nachfrage bei der Bahn nur: „Kein Kommentar.“ Nach Darstellung des Betriebsratsvorsitzenden Heiner Wegner waren es vor allem Produktionschef Ulrich Thon und Aufsichtsratschef Hermann Graf von der Schulenburg, die unter den Mitarbeitern eine Atmosphäre der Angst verbreiteten und „unsere Warnungen einfach vom Tisch fegten“. Von der Schulenburg kontrolliert sich als Aufsichtsrat weiter selbst, und Thons Wechsel zu DB Regio nach Frankfurt am Main gilt eher als Aufstieg denn als Fall.

Wann sie die Probleme in den Griff bekommt und wie die Kunden entschädigt werden sollen, vermag die Bahn noch immer nicht zu sagen. Stattdessen widersprach Konzernchef Grube dem Vorwurf, wonach die S-Bahn zugunsten des Profits kaputtgespart wurde: Die Bahn habe durch die Anschaffung neuer Züge seit den 90ern „weitaus mehr“ investiert als verdient. Insider halten diese Darstellung jedoch für fragwürdig, weil die S-Bahn Gebühren an mehrere Tochterfirmen des Konzerns zahlen muss. VBB-Geschäftsführer Hans-Werner Franz sagte am Mittwoch im Verkehrsausschuss des Parlaments, dass die Berliner Trassengebühren – sie werden von der Bahntochter DB Netz kassiert – 50 Prozent über denen in Frankfurt am Main und 25 Prozent über denen in Hamburg lägen. Diese Gewinne seien von der Politik nicht gewollt gewesen und daher „systemwidrig“.

Der Radfahrerclub ADFC kritisierte, dass die Bahn in ihrer Kundenzeitschrift „Punkt 3“ die Fahrradmitnahme generell für „nicht möglich“ erklärt. ADFC-Landeschefin Sarah Stark forderte „Alternativen statt Verbote“ und schlug vor, den Abo-Kunden der Bahn die „Call a bike“- Leihräder zur Verfügung zu stellen – und damit auch die übervollen Notverkehrszüge zu entlasten. 

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