Öffentlicher Nahverkehr : Freifahrt interessiert Fahrgäste mehr als das S-Bahn-Chaos

Die Fachleute wundern sich, und die Laien staunen: Ausgerechnet während der Krise wuchs die Zahl der Stammkunden rasant. Weitere Gratismonate Ende dieses Jahres dürften den Effekt noch verstärken.

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''Bitte einsteigen.'' Trotz dürftiger Leistungen kehren die Berliner dem Verkehrsmittel S-Bahn nicht den Rücken zu. -Foto: ddp

Die Fachleute wundern sich, und die Laien staunen: Mit ihrer ersten Entschädigungsrunde hat die S-Bahn weit mehr Stammkunden gewonnen, als sie durch das Dauerchaos vergrault hatte: 163 000 Fahrgäste hatten im Dezember einen Abo-Vertrag mit dem Unternehmen geschlossen. Das sind 13 000 mehr als im Mai 2009. Am Ende der schlimmsten Chaosphase hatte die S-Bahn also 8,7 Prozent mehr Stammkunden als zuvor.

Allerdings sanken die Einnahmen um rund fünf Prozent, weil vor allem Gelegenheitskunden wegblieben. Auch die BVG hat die Zahl ihrer Abonnenten von 225 000 Ende 2008 auf 273 000 Ende des vergangenen Jahres gesteigert. Anders als bei der S-Bahn nahm bei der BVG auch die Zahl der Fahrten zu, von – streikbedingt schwachen – 832,3 Millionen im Jahr 2008 auf 925,4 Millionen im vergangenen Krisenjahr der S-Bahn. Die Einnahmen stiegen um drei Prozent.

Die BVG hatte sich die Entschädigungsregelung der S-Bahn zunutze gemacht und offensiv mit dem Slogan geworben, zwölf Monate zum Preis von neun Monatskarten zu fahren: Zum ohnehin üblichen Abo-Betrag von zehn Monatskarten kam die Freifahrt im Dezember.

Für dieses Jahr hat die S-Bahn gleich zwei zusätzliche Gratismonate angekündigt. Demnach ist man mit acht Monatsbeiträgen ein volles Jahr unterwegs – ein Angebot, mit dem die Unternehmen nicht nur ihre Stammkunden entschädigen, sondern auch erneut Kunden locken wollen.

Der Zuwachs ist umso erstaunlicher, als vielfach das Gegenteil befürchtet worden war: Das IGES-Institut hatte im November prophezeit, dass langfristig fast 60 000 weniger Zeitkarten verkauft würden und 3,7 Prozent der S-Bahn-Kunden dauerhaft aufs Auto umsteigen würden.

Allein für die Zeit bis Mitte Oktober hatte das Institut bereits mehr als 3,5 Tage vergeudete Zeit pro Durchschnittsfahrgast wegen der Misere ermittelt, was einem finanziellen Schaden von 235 Euro pro Passagier entspreche. Fortgeschrieben wurde die Studie nach Auskunft des IGES nicht. Klar ist aber, dass der Schaden für die Fahrgäste weiter gewachsen ist, während sich zugleich ein Gewöhnungseffekt einstellt: Nils Busch- Petersen vom Handelsverband Berlin- Brandenburg berichtet von „zweistelligen Umsatzeinbußen“, die auch große Warenhäuser im Umfeld von S-Bahnhöfen in den schlimmsten Chaoswochen erlitten hätten. Das sei nun überstanden.

Noch hat die S-Bahn offiziell nicht mitgeteilt, in welchen Monaten sie die Gratisfahrten finanzieren will, für die sie nach eigenen Angaben rund 70 Millionen Euro aufbringen muss. Sollten dies wie erwartet der November und der Dezember sein, landen die Unternehmen wiederum einen Coup. Denn bei den Kunden, die im vergangenen Dezember unter den besonderen Bedingungen ein Abonnement abgeschlossen haben, läuft der Vertrag Ende November aus. Sie erhalten dann in diesem Monat die Freifahrten. Wollen sie auch im folgenden Dezember davon profitieren, müssen sie ihr Abo verlängern. Nach Tagesspiegel-Informationen bevorzugt deshalb auch die BVG diesen späten Entschädigungstermin.

Von dieser Strategie dürften auch jene profitieren, um die sich der Verkehrsverbund VBB große Sorgen gemacht hat: VBB-Chef Hans-Werner Franz hatte im Herbst davor gewarnt, dass die kleineren Mitgliedsunternehmen des Verbundes in wirtschaftliche Not geraten könnten, wenn die S-Bahn als zweitgrößter Einzahler (nach der BVG) viel weniger Geld zum gemeinsamen VBB-Fahrgeldtopf beisteuert. Doch das Gegenteil ist passiert: Wie berichtet stiegen die Einnahmen aus Ticketverkäufen 2009 um 2,7 Prozent.

Im Dezember will die S-Bahn zudem wieder zum normalen Fahrplan zurückkehren, was ein weiteres Lockmittel für neue Kunden sein kann. Allerdings werden auf vielen Linien auch dann noch verkürzte Züge fahren. Die maximal möglichen Acht-Wagen-Züge solle es aber von Dezember an zumindest auf den nachfragestarken Linien S 3 und S 5 geben, kündigte S-Bahn-Chef Peter Buchner am Montagabend beim Verkehrspolitischen Informationsverein (VIV) an.

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