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Radfahrt durch Berlin : Volle Fahrt in den Frust

06.11.2010 20:50 Uhrvon
Mit dem Rad am Potsdamer Platz.Bild vergrößern
Mit dem Rad am Potsdamer Platz. - Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die Zahl der Radler wächst unaufhaltsam, das ist politisch gewollt. Der Trend verschärft die Konflikte auf der Straße. Ein Selbstversuch beweist: Schuld sind nicht nur rücksichtslose Mitbürger, sondern auch nachlässige Verkehrsplaner.

Jetzt wird wieder ein Autofahrer mich verfluchen, nur zwei Minuten nach meinem Start zu diesem Selbstversuch. So wie ich gestern im Auto die Radler verflucht habe, die mir ohne Licht und Verstand in die Quere kamen. Jetzt bin ich der Radler – einer von Abertausenden in Berlin, die auch dem Novemberniesel trotzen. 13 Prozent beträgt ihr Anteil am Verkehr, in Teilen der Innenstadt doppelt so viel. 20 Prozent stadtweit strebt die Verkehrssenatorin an. Die Vermehrung ist also politisch gewollt, etwa durch das vom Senat geknüpfte Routennetz und immer neue Radstreifen auf Hauptstraßen. Doch mit der Radlerschar wächst der Frust auf allen Seiten.

Rüpel hier, Raser da. Kommt man als Radfahrer bei Einhaltung der Verkehrsregeln sicher durch die Stadt? Der Weg zur Erkenntnis soll vom Ostkreuz zum Potsdamer Platz führen und weiter zum Tempelhofer Park.

Es ist ein blauer Lieferwagen, der mich rotsehen lässt. Er blockiert die Fahrradspur und zwingt mich, beim Schwenk nach links die vorbeirauschenden Autos auszubremsen. Vor ein paar Tagen starb in Potsdam eine 33-Jährige, weil ein Radspurparker die Tür öffnete und die Frau vor ein Auto stürzte. Theoretisch könnten solche Falschparker abgeschleppt werden. Praktisch müssen sie nicht befürchten, erwischt zu werden. Der Friedrichshain-Kreuzberger Ordnungsstadtrat Peter Beckers (SPD) sagt, seine Außendienstler kontrollierten möglichst jede Straße einmal im Monat. Sofern nicht allzu viel andere Ärgernisse anlägen, zurzeit beispielsweise Radeln ohne Licht.

Die finsteren Gestalten sind zwar das gefühlte Hauptproblem, aber statistisch nur für gut ein Prozent der Radler-Unfälle verantwortlich. Laut Polizei lag bei 53 Prozent der rund 7000 Unfälle mit Radler-Beteiligung 2009 die Hauptschuld bei anderen – speziell Auto- und Lastwagenfahrern. Auch sind die Radler gemessen an ihrem Verkehrsanteil relativ selten in Unfälle verwickelt. Die Unfallzahlen sind längst nicht so stark gewachsen wie der Radverkehr – und der Frust. Meiner hier und jetzt, weil mich das Radwegschild auf die lausige Buckelpiste an der Stralauer Allee zwingt. Eine Längsrille versucht, mein Vorderrad festzuhalten. Aber auf die Straße auszuweichen, will ich weder den Autofahrern noch mir zumuten.

Der alte Radweg entlang der U 1 ist so geführt, dass abbiegende Lkw-Fahrer ihn kaum sehen können – statistisch die größte Lebensgefahr für Radler. Laut Polizei starben drei von sechs seit Jahresbeginn getöteten auf diese Weise. Auch deshalb legt der Senat die neuen Radspuren gut sichtbar auf der Fahrbahn an – bisher schon mehr als 130 Kilometer.

Mein Bremsenquietschen durchdringt die Kopfhörer des Artgenossen leider nicht, der mir am Kottbusser Tor bei rot gemütlich in die Quere radelt. Ich wünschte, ich könnte hupen wie ein Lkw.

Hinter dem Kotti schickt mich die Markierung direkt zwischen die Autos. Ein Lkw zieht haarscharf vorbei, der nächste lauert zwei Meter hinter mir auf eine Chance zum Überholen. Ich ahne, dass er mich lieber auf dem Gehweg sähe. Vor dem Willy-Brandt-Haus vereinigt sich die Autospur mit dem Radweg in einem Trichter. Radfahrer sind hier schlicht nicht vorgesehen. Bei der Stadtentwicklungsverwaltung heißt es, dass für Baustellen die Verkehrslenkung und die Bezirke zuständig seien. Bei groben Mängeln würden gelegentlich auch Geldstrafen gegen Baufirmen verhängt.

Am Potsdamer Platz schickt mich die Markierung direkt in die Touristenschar, die mit den BVG-Kunden an der Bushaltestelle den Radweg bevölkert. Die Blicke der Passanten zeigen, dass bereits mein Bremsenquietschen das Image der Radler ramponiert. Die Fehlkonstruktion ist erst 15 Jahre alt, aber schon ein Klassiker auf der Hassliste vieler Alltagsradler. Sie zeigt exemplarisch, dass nicht immer das Verhalten der Leute problematisch ist. Nein, das Problem ist allzu oft die mangelhafte Verkehrsplanung.

Die beiden Autofahrer, die beim Rechtsabbiegen ins Reichpietschufer meine Vorfahrt missachten, ahnen nichts von meiner Existenz. Nachdem mir zuvor schon zwei Wagen die Vorfahrt nahmen, habe ich gefühlt einen gut. Und dann noch der Radweg in der Potsdamer Straße, der alle Sünden vergangener Zeiten vereint: teils nur 90 Zentimeter breit (mein Lenker ist 65), holprig, kurvig. Die Straßenverkehrsordnung schreibt 1,5 Meter und ebene, übersichtliche Führung vor. Als die Verkehrslenkung des Senats 2008 trotzdem Radwegschilder anschrauben ließ, begründete sie das mit dem gefährlichen Lieferverkehr auf der Busspur. Ein Problem weniger für die Straßenbenutzer, eins mehr für mich. Halt, jetzt nicht ablenken lassen: Der graue Poller in der Mitte des Radweges im Nelly-Sachs-Park erfordert volle Konzentration. Der stählerne Wicht ist kriminell, Tatvorwurf: versuchte Körperverletzung. An der Mündung des Weges bleibt mir die Wahl zwischen gegenläufiger Einbahnstraße und Fußweg. Der Murks könnte nach Auskunft von Stadtrat Oliver Schworck (SPD) längst beseitigt sein: Die fertigen Planungsunterlagen lägen seit April bei der Wirtschaftsverwaltung.

An der Yorckstraße treffen sich täglich 6000 Radler und noch mehr S-Bahn-Passagiere in einer 1,5 Meter schmalen Baustellengasse. Ein Ort, um dem Frust über die jeweils anderen zu frönen. Und ein Fall für den Bußgeldeintreiber des Senats.

An der zugeparkten Fahrradspur in der Katzbachstraße fährt ein Polizeiauto vorbei. Dabei sind zugeparkte Radspuren gefährlicher als gar keine. Die Polizei teilt mit, dass Radspurparker „im Rahmen des pflichtgemäßen Ermessens und unter Berücksichtigung der Verhältnismäßigkeit“ verfolgt würden.

Morgen, im Auto, werde ich die finsteren Gestalten wieder verfluchen. Vorher ziehe ich Bilanz meiner Tour: 15 massive Gefährdungen durch Verstöße von Autofahrern, sechs durch Radler, vier durch Fußgänger. Dazu acht besonders grobe Bau- oder Planungsmängel. Wenigstens ist die Startbahn in Tempelhof frei.

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