Regionalverkehr : Bahn warnt: Zugfahren könnte ungemütlich werden

Nach der Ausschreibung vieler Strecken im Regionalverkehr soll es in den Waggons weniger Platz für die Fahrgäste geben.

Klaus Kurpjuweit
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Die Bahn sieht rot. Laut der Ausschreibung des Verkehrsverbundes könnten auf der nachfragestärksten Linie RE 1 in den nächsten...Foto: dpa

Die Bahn befürchtet, dass das Fahren mit Zügen in den kommenden Jahren strapaziös für die Fahrgäste werden wird. Die Züge des Regionalverkehrs würden weniger komfortabel sein als heute, sagte jetzt Ulrich Homburg, der Vorstandsvorsitzende der DB Regio AG bei der Deutschen Bahn. Die derzeit laufende Ausschreibung für den Betrieb von 16 Strecken in Brandenburg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sehe erhebliche Einschränkungen etwa beim Sitzkomfort vor. Zurzeit fährt die Bahn AG mit ihren Zügen auf allen nun ausgeschriebenen Strecken und wird nach den Vorgaben zumindest einige Linien davon an Konkurrenten verlieren. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) wollte sich zu Einzelheiten der von ihm veranlassten Ausschreibung am Mittwoch nicht äußern.

Auf der nachfragestärksten Linie RE 1 von Magdeburg über Potsdam und Berlin nach Frankfurt (Oder) und Eisenhüttenstadt, auf der die jetzt eingesetzten Doppelstockwagen häufig überfüllt sind, könnten in Zukunft nach den Vorgaben der Ausschreibung auch einstöckige Wagen eingesetzt werden, sagte Homburg. Wichtig sei nur, möglichst viele Sitzplätze anzubieten. Dies gelinge auch bei einstöckigen Fahrzeugen, wenn der Sitzabstand oder die Sitzgröße verringert würden, was das Fahren unbequem mache. Zulässig sei es außerdem, das bisherige Mehrzweckabteil für Fahrräder, Kinderwagen oder Rollstühle aufzugeben. Stattdessen dürfe man drei Sitze im Wagen nebeneinander platzieren und den frei bleibenden Gang als Mehrzweckabteil nutzen. Dort seien an der Wand aber auch Klappsitze vorgesehen, so dass es zu Konflikten zwischen sitzenden Fahrgästen und Nutzern des „Mehrzweckabteils“ kommen werde.

Der Verkehrsverbund hat den künftigen Betreibern der Regionalstecken vorgeschrieben, neue Fahrzeuge anzuschaffen und dabei detaillierte Vorgaben gemacht – nach Angaben von Homburg bis zur Größe der Tische vor den Fenstern – und zu den Sitzgrößen. Es sei sichergestellt, dass es „Qualität zu günstigen Preisen“ geben werde, sagte dazu die Sprecherin der Berliner Stadtentwicklungsverwaltung, Manuela Damianakis.

Weiter eingesetzt werden dürfen nur die Doppelstockwagen, die von 1997 an gebaut worden sind. Allerdings verlangt der Verbund auch hier einen Umbau. Die Behindertentoilette, die bisher im sogenannten Steuerwagen untergebracht ist, der an der Spitze oder am Ende des Zuges fährt, muss in Zukunft in der Zugmitte sein. So wüssten Behinderte immer, wo die Toilette ist, begründet VBB-Chef Hans-Werner Franz diese Vorgabe.

Der Umbau koste einen Millionenbetrag, sagte dazu Homburg, so dass die Bahn keinen Vorteil habe, wenn sie mit ihren bisherigen Doppelstockwagen ins Ausschreibungsrennen gehe, während die Konkurrenten von Anfang an neue Fahrzeuge beschaffen müssen. Wie viele Mitbewerber es geben wird, lässt sich derzeit nicht sagen. Auch große private Unternehmen überlegen noch, ob sie überhaupt ein Angebot abgeben werden. Fahrzeuge auf eigene Rechnung zu beschaffen, sei derzeit sehr schwer.

Die Ausschreibung ist die bisher größte in Deutschland. Dabei geht es um einen Wert in Höhe von rund 1,3 Milliarden Euro. Aufgeteilt ist die Ausschreibung in vier Bereiche, wobei kein Unternehmen alle Lose gewinnen darf. Damit wird die Bahn AG auf jeden Fall einen Teil ihrer Aufträge verlieren, wogegen sie sich ebenfalls wehrt.

Vorwürfe der Bahn, Wettbewerber würden sich durch eine schlechtere Bezahlung ihrer Mitarbeiter einen Vorteil verschaffen, weisen der Verkehrsverbund und das Brandenburger Infrastrukturministerium zurück. Eine Verordnung der EU, die Lohndumping auf jeden Fall verhindert, tritt allerdings erst Anfang Dezember in Kraft. So lange habe man mit der Ausschreibung aber nicht warten können, heißt es beim Verbund.

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