Reportage : Träumen im Terminal

Nach den Feiertagen müssen viele Urlauber von Tegel zurück in die Heimat fliegen Manche sparen sich das Hotel und schlafen am Flughafen. Andere haben den letzten Bus verpasst

Florian Ernst
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Ruhe unsanft. Für ein paar Stunden Schlaf ein Hotelzimmer bezahlen? Da übernachteten Davide Gentile und Carlotta D´Ambrosia aus...

Es ist Ostermontag, 0.30 Uhr. In Terminal D auf dem Flughafen Tegel versammeln sich nach und nach die Gestrandeten dieser Nacht. Davide Gentile und seine Freundin Carlotta D’Ambrosia gehen fast bis zum Ende des Raumes und lassen sich mit ihrem Gepäck auf dem Boden nieder.

Terminal D ist der einzige Ort auf dem Flughafen, der bis 4 Uhr morgens geöffnet bleibt. Auch in der Nacht zum Ostermontag suchen viele hier Zuflucht. Doch nicht nur Reisende nutzen den Raum mit den Check-in-Schaltern der Fluggesellschaft Tuifly, um dort die Nacht zu verbringen. In den vergangenen Wochen beschäftigte die Flughafenverwaltung eine Frau aus Finnland, die in Terminal D über Monate regelrecht wohnte. Mittlerweile wird die Frau abwechselnd in Tegel und in Schönefeld gesehen.

Das Paar aus Italien ist indes nur diese eine Nacht hier, weil es sich eine Hotelübernachtung sparen wollte. Die beiden 23-Jährigen sind über Ostern für fünf Tage aus Mailand nach Berlin gekommen, und um 6.15 Uhr geht der Flug zurück. Sie sind zum ersten Mal in Deutschland und beide von Berlin begeistert. Nur die Mitarbeiter vom Sicherheitsdienst seien etwas unwirsch gewesen, als sie ihnen den Weg zu Terminal D zeigten. Das hat ihre gute Laune aber nicht getrübt.

Nach Mitternacht ist der restliche Flughafen ausgestorben. Nur eine Reinigungsmaschine fährt über den Gang des geschlossenen Terminals A. Die letzten Busse sind längst weg. In Terminal D haben sich fünf Chinesen eine Bank zum Ausruhen gesucht. Sie sind am Sonntag mit dem Flieger aus Peking über Amsterdam nach Berlin gekommen. Nach über zehn Stunden Reise kam der Flug um 21.30 Uhr in Tegel an. Leider war da der Bus schon weg, mit dem sie nach Dresden fahren wollten, wo sie studieren. Also warten sie auf den ersten Bus am Montag. Dong Liguang studiert Maschinenbau. Er ist 25 Jahre alt und hat vor Ostern nach sechs Monaten zum ersten Mal seine Heimat besucht. Außer Dresden und Terminal D hat er noch nicht viel von Deutschland gesehen.

„Nach der Hausordnung dürfen sich nur Passagiere mit gültigem Flugticket in den Terminals aufhalten“, sagt Flughafensprecher Eberhard Elie am Montag am Telefon. Man dulde aber auch Obdachlose hier, gerade in den Wintermonaten. Jedoch nur, solange sie nicht auffällig würden. Grundsätzlich sei „Wegelagerei“ und Bettelei verboten, und auch Nachtlager dürften nicht eingerichtet werden. Wer es sich aber auf den Bänken gemütlich macht oder die Beine ausstreckt, dürfe normalerweise bleiben.

„Wir schreiten natürlich ein, wenn Passagiere belästigt werden“, sagt Elie. Zum Beispiel, wenn Jugendliche randalieren. Dann werde auch die Polizei eingeschaltet, denn das Flughafenpersonal dürfe nur Hausverbote aussprechen. Das passiere aber nur selten. Insgesamt siebzehn Menschen verbrachten von Sonntag auf Montag die Nacht in Tegel. Sehr viele, wie Elie findet. Das hänge wahrscheinlich mit den Feiertagen zusammen.

Der Zeiger der Uhr in Terminal D rückt auf 1 Uhr vor. „Ich bin hier gerade etwas gestrandet“, sagt Peter Günter Thiele, 58 Jahre alt. Er habe seine Ex-Frau besuchen wollen, die aber sei wohl über Ostern verreist. Er stand vor der verschlossenen Tür. Nun nutzt er Terminal D als Ersatz für ein Hotel, das er sich nicht leisten könne. Er lebe seit acht Jahren in Brasilien und wolle dorthin zurück, erzählt Thiele. Er baue in einem Armenviertel in Rio de Janeiro eine Schule auf. In Berlin suche er nach Sponsoren für das Projekt. „Mir fehlt auch noch das Geld für den Rückflug“, sagt Thiele. Die Nacht zuvor habe er auf dem Flughafen Schönefeld verbracht. „Da ist es bequemer, und die Restaurationen haben die ganze Nacht geöffnet.“ Heute findet er es in Tegel entspannt. „Manchmal liegen die hier richtig gestaffelt.“ Drei Sicherheitsleute betreten das Terminal. Sie schauen sich einmal um, knipsen hier und da das Licht aus und überprüfen, ob die Türen im Sicherheitsbereich verschlossen sind. Dann gehen sie wieder. Dong Liguang ist eingeschlafen, auch Davide und Carlotta sind still. In Terminal D kehrt Ruhe ein. Florian Ernst

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