S-Bahn-Chaos : Was läuft schief im Berliner Nahverkehr?

Überfüllte Züge, lange Wartezeiten – bei der Berliner S-Bahn ist das Chaos ausgebrochen. Was läuft schief im Nahverkehr der Hauptstadt?

Klaus Kurpjuweit

Im Berliner S-Bahn-Verkehr wird es auch in den nächsten Tagen zu langen Wartezeiten und Zugausfällen kommen. Nach wie vor fehlen Fahrzeuge, weil das Eisenbahn-Bundesamt als Aufsichtsbehörde 380 Wagen ihrer neuesten Baureihe stilllegen ließ, die erst im Anschluss an eine Kontrolle der Räder wieder nach und nach in Betrieb genommen werden dürfen. Die zur Deutschen Bahn AG gehörende S-Bahn hatte die von ihr verbindlich zugesagte Frist bei den Untersuchungen nach einem Radbruch am 1. Mai nicht eingehalten. Nur mit viel Glück waren bei der dadurch verursachten Entgleisung eines Zuges in Kaulsdorf keine Fahrgäste verletzt worden.

Ist die S-Bahn noch sicher?

Man muss es so hart formulieren: Die S-Bahn war nicht mehr sicher und hat ihre Fahrgäste wissentlich in Gefahr gebracht. Nach dem Bruch des Rades war es zwingend erforderlich, die Räder intensiv zu kontrollieren, um einen sicheren Betrieb zu garantieren. Alle sieben Tage sollten die Züge deshalb in die Werkstatt. Das Eisenbahn-Bundesamt hatte sogar vorgegeben, dass die Untersuchung an jedem Rad „unter vier Augen“ vorgenommen werden muss. Zuvor war dafür jeweils ein Mitarbeiter zuständig. Diese Frist hat die S-Bahn nicht eingehalten, wie das Eisenbahn-Bundesamt am Montag nach umfangreichen Kontrollen festgestellt hat. Da die strenge Aufsichtsbehörde jetzt das Unternehmen besonders scharf im Blick hat, dürfen sich die Fahrgäste darauf verlassen, nur noch geprüfte Züge im Betrieb vorzufinden. Die S-Bahn ist wieder sicher – aber nur dank des Eisenbahn-Bundesamtes.

Was macht das Eisenbahn-Bundesamt?

Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) ist die Aufsichts- und Genehmigungsbehörde für die Eisenbahnen des Bundes und die Eisenbahnverkehrsunternehmen mit Sitz im Ausland, die auf Gleisen in Deutschland in eigener Regie Züge fahren lassen. Das EBA überwacht darüber hinaus die nichtbundeseigenen Eisenbahnen, die eine Sicherheitsbescheinigung oder eine Sicherheitsgenehmigung brauchen. Das EBA ist 1994 mit der Bahnreform geschaffen worden und sitzt in Bonn.

Reagiert die Aufsichtsbehörde überzogen?

Nein, das Eisenbahn-Bundesamt ist seiner Ansicht nach auch schon vorher von der Geschäftsleitung der S-Bahn getäuscht worden. Diese habe zugesichert, dass die Räder routinemäßig alle 1,2 Millionen Kilometer ausgetauscht werden. Auch daran hat sich die S-Bahn nicht gehalten und musste, nachdem das Eisenbahn-Bundesamt auch dies festgestellt hatte, 100 Wagen kurzfristig aus dem Verkehr nehmen. Die S-Bahn erklärte, sie habe nur mitgeteilt, dass die Räder in der Regel nach den 1,2 Millionen Kilometern gewechselt würden. Sollten sie ihren Verschleißpunkt noch nicht erreicht haben, könnten sie auch länger laufen. Das Eisenbahn-Bundesamt halte den Radwechsel nach 1,2 Millionen Kilometern aber für zwingend erforderlich, sagt EBA-Sprecher Ralph Fischer, weil sonst andere Vorschriften erlassen werden müssten.

Wie soll kontrolliert werden?

Die Räder sollten alle sieben Tage per Augenschein und Hammerschlag auf Risse überprüft werden. Am durch den Schlag erzeugten Klang erkennen Fachleute, ob das Rad in Ordnung ist. Alle 30 000 Kilometer sollen die Räder auch mit Wirbelstrom geprüft werden.

Warum sind die Kontrollfristen nicht

eingehalten worden?

Die S-Bahn-Geschäftsleitung gibt sich überrascht und beteuert, nichts davon gewusst zu haben. Intern war in dem Unternehmen aber nach Tagesspiegel- Informationen von Anfang an klar, dass die Kapazitäten der Werkstätten nicht ausreichen, um die Räder sämtlicher 1000 Wagen der betroffenen Baureihe alle sieben Tage kontrollieren zu lassen. Das Unternehmen hat in der Vergangenheit mehrere Werkstätten geschlossen, um Kosten zu sparen. Jetzt gibt es nur noch die Anlagen in Grünau und Wannsee sowie die Hauptwerkstatt in Schöneweide, deren Fortbestand auch nicht gesichert ist.

Wie hat die S-Bahn reagiert?

Sehr seltsam. Nachdem das Eisenbahn-Bundesamt festgestellt hatte, dass die Kontrollfristen nicht eingehalten worden waren, sagte S-Bahn-Chef Tobias Heinemann nur, man habe „Verbesserungsbedarf“ bei den Kontrollen festgestellt und nun auch vorgenommen. „Missstände“ würden beseitigt. Wie es zu diesen „Missständen“ kommen konnte, ließ er offen. Nicht bekannt ist, wie weit die Geschäftsleitung kontrolliert hat, ob ihre Vorgaben umgesetzt worden sind. Der für den technischen Bereich zuständige Geschäftsführer Ulrich Thon hat das Unternehmen schon vor Wochen verlassen und ist Anfang Juni durch Peter Büsing ersetzt worden. Den Weggang von Thon hatte das Unternehmen zunächst bestritten und nur von einer krankheitsbedingten Abwesenheit gesprochen.

Sind die Probleme bei der S-Bahn neu?

Das Unternehmen schiebt schon lange diverse Probleme vor sich her. An den Zügen ihrer neuesten Baureihe müssen seit mehr als einem Jahr auch schon die Achsen häufiger geprüft werden. Sie bestehen aus einem ähnlichen Material wie bei dem ICE der Fernbahn, an dem bei einem Zug im Juli 2008 im Kölner Hauptbahnhof eine Achse gebrochen war und der deshalb entgleiste – zum Glück beim Anfahren und daher nur mit einer geringen Geschwindigkeit.

Wurden alle schon bekannten Probleme

gelöst?

Weitere Schwachstellen sind erkannt, aber noch nicht beseitigt worden. Wegen einer unzureichend ausgelegten Bremssteuerung war bereits im November 2006 ein Zug im Bahnhof Südkreuz auf einen Arbeitszug geprallt. Mehr als 30 Fahrgäste wurden damals verletzt. Das Vorgehen beim Umbau der Steuerung der Bremsen konnte nach Angaben der S-Bahn erst nach langwierigen Verhandlungen mit dem Hersteller geklärt werden. Bis die Bremssteuerung umgestellt ist, dürfen die Bahnen nicht mehr mit Tempo 100 fahren, sondern nur noch maximal 80 Stundenkilometer. Verspätungen im Betrieb lassen sich so kaum noch aufholen.

Gab es bei der S-Bahn schon früher

Wartungsprobleme?

Bereits Anfang dieses Jahres brach der Verkehr bei eisigen Temperaturen fast vollständig zusammen, weil Teile an den Fahrzeugen eingefroren waren. Mitarbeiter warfen der Geschäftsleitung damals vor, an der falschen Stelle gespart zu haben, weil die empfindlichen Teile nicht mehr eingeschmiert worden seien. Die Geschäftsleitung ließ die Fahrzeuge danach entsprechend umbauen. Jetzt sollen sie winterfest sein.

Kann der Vertrag mit der S-Bahn gekündigt werden und wer kommt als Ersatz infrage?

Der 2004 ausgehandelte Vertrag zwischen dem Senat und der S-Bahn, der bis 2017 läuft, ist Geheimsache. Selbst Abgeordneten, die ihn im sogenannten Datenraum des Parlaments einsehen wollen, wird er dort zum großen Teil mit geschwärzten Passagen präsentiert. Ob der Vertrag vorzeitig gekündigt werden könnte, lässt Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) nach ihren Angaben derzeit von Juristen prüfen. Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, der ebenfalls mit den Leistungen der Bahn nicht zufrieden war, ist mit seiner Kündigung vor Gericht gescheitert.

Gibt es andere Bewerber für den Betrieb der S-Bahn?

Hier gilt das Motto von Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber … Private Unternehmen, aber auch die BVG, haben schon mehrfach angekündigt, sich bei einer Ausschreibung bewerben zu wollen. Größtes Problem dabei ist die Fahrzeugbeschaffung, weil das Berliner System spezielle Züge benötigt, die es woanders nicht gibt. Ein Unternehmen müsste auf einen Schlag die gesamte Fahrzeugflotte beschaffen. Derzeit hat die S-Bahn nach ihren Angaben 1268 Wagen. Die 1000 Wagen, die jetzt Probleme haben, kosteten rund 1,2 Milliarden Euro. 200 wurden zwar vom Bund finanziert, gehören jetzt aber auch der S-Bahn. Doch an Konkurrenten in Deutschland hat die Bahn bisher so gut wie nie Gebrauchtfahrzeuge verkauft, sondern sie lieber verschrottet. Das Netz könnte aber auch in der Ausschreibung auf verschiedene Bereiche aufgeteilt werden, wie es im Verkehrsvertrag vorgesehen war. Auf die Möglichkeit, die Nord-Süd-Strecken vorzeitig auszuschreiben, hat der Senat allerdings im vergangenen Jahr verzichtet.

Sind Sanktionen möglich?

Für Leistungen, die von der S-Bahn nicht erbracht werden, kann der Senat seinen Zuschuss kürzen, der 2009 bei 232 Millionen Euro liegen wird. Wie viel Geld einbehalten werden darf, ist umstritten. Im vergangenen Jahr kürzte der Senat die Zahlung um fünf Millionen Euro – und finanziert damit vor allem den Bau von weiteren Aufzügen auf U-Bahnhöfen der BVG.

Wer kontrolliert die S-Bahn?

Die Berliner S-Bahn gehört zum Bereich Stadtverkehr bei der Bahn AG. Eine Stellungnahme vom neuen Bahnchef Rüdiger Grube zu den Problemen bei der S-Bahn gibt es bisher nicht. Allerdingshat sich nach Tagesspiegel-Informationen jetzt die Konzernrevision eingeschaltet. Und für diesen Donnerstag ist eine außerordentliche Sitzung des Aufsichtsrats der S-Bahn angesetzt worden. „Die Missstände sollen aufgeklärt und die notwendigen Konsequenzen daraus gezogen werden“, kündigte DB-Vorstand Ulrich Homburg am Mittwoch an. Dann wird sich zeigen, ob der Stadtverkehr auch bereit ist, auf einen Teil des Geldes zu verzichten, das die S-Bahn bisher überweisen muss. 2008 waren es rund 56 Millionen Euro – erwirtschaftet durch einen rigiden Sparkurs beim Unternehmen: mit Stellenabbau, Werkstattschließungen und Verschrotten fahrfähiger Züge.

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