S-Bahn-Mitarbeiter : "Die Nicht-Wartung wurde angewiesen"

Mitarbeiter des S-Bahnwerks Schöneweide schildern ihre Sicht: Sie sprachen die Probleme an – doch jede Kritik wurde abgebügelt.

Thomas Loy

Im S-Bahnwerk Schöneweide ist es 17 Uhr. Den ganzen Tag lang. Der große Zeitmesser am Eingangstor ist kaputt.

Hinter den hohen Backsteinmauern werden S-Bahnzüge auseinandergenommen, gereinigt und wieder zusammengesetzt. Das dauert, weil Ersatzteile fehlen, zum Beispiel Bremszylinder. „Die werden teilweise per Lkw bis nach Fulda verschickt und dort repariert“, sagt Ingenieur Eberhard Gorges, der gerade seine Schicht beendet hat. Gorges ist vom Bahnhersteller Bombardier zur S-Bahn ausgeliehen, um bei den Wartungsarbeiten mitzuhelfen. Die Sache mit den gefälschten Prüfprotokollen hat er auch gehört, die Verantwortlichen nimmt er aber in Schutz. „Da ist einfach was gestreckt worden, um Vorgaben zu erfüllen.“ Offenbar sei man der „Selbsttäuschung“ erlegen, es werde schon alles gut gehen.

Gorges und seine Kollegen – einige kommen aus dem Bombardier-Werk Aachen – glauben, dass sie noch mindestens bis zum Frühjahr 2010 in Schöneweide zu tun haben. „Aber bis dahin gibt es bestimmt schon ein neues Problem.“ Im Werk stapelten sich die Züge und Bauteile, da komme es zu erheblichen logistischen Verzögerungen. Ein Lokführer, der zu seiner Fortbildung schlendert, sagt frei heraus, dass die „mittlere Führungsebene“ die Nicht-Wartung von Zügen angewiesen habe. Als auf einer Betriebsversammlung diese „Schlamperei“ zur Sprache kam, habe die Geschäftsführung nur von „Wahrnehmungsstörungen“ gesprochen. „Der GAU bei der S-Bahn war vorhersehbar.“

Die Stimmung unter den Lokführern? „Scheiße“, sagt Gewerkschafter Enrico Forchheim. Er kommt gerade vom Ostkreuz. Dort sitzen 25 Lokführer den Tag ab, weil sie auf Bereitschaft sind, aber mangels fahrtüchtiger Züge nicht gebraucht werden. „Die bangen um ihre Arbeitsplätze.“ Es könnte ja sein, dass die S-Bahn zerschlagen wird, meint Forchheim. „Die Verluste in diesem Jahr sind wahrscheinlich größer als die Einsparungen der vergangenen Jahre.“ Alles sei dem Sparziel untergeordnet worden. Ein „Jungfacharbeiter“, der Drehgestelle auseinanderbaut, hat das zu spüren bekommen. „Es heißt dann zackzack, alles ein bisschen schneller als sonst.“

Zwei Kollegen vom Service machen sich mit gefüllten Jutetaschen auf den langen Weg zum Betriebsbahnhof Schöneweide. Sie sollen an den S-Bahnhöfen die frisch gedruckten Notfahrpläne aufhängen. 19 Bahnhöfe müsse er schaffen, sagt der Mann in blauer S-Bahn-Uniform. „Da habe ich bestimmt bis 20 Uhr zu tun.“

Überraschend viele S-Bahner verlassen das Werk mit dem Fahrrad. Schließlich sind sie vom Chaos ihres Unternehmens genauso betroffen wie alle anderen.Thomas Loy

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