S-Bahner : Ein Leben lang geprägt

Er hat das Unglück kommen sehen: "Wir haben vorher immer deutlich gewarnt." Wie S-Bahner Heiner Wegner von einem Tag zum anderen prominent wurde.

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Heiner Wegner, Ex-Betriebsratschef.
Heiner Wegner, Ex-Betriebsratschef.Foto: ddp

Sie wurden bespuckt und beleidigt. Als im Sommer 2009 wegen Managementfehlern große Teile des S-Bahnverkehrs zum Erliegen kamen, ließen die Fahrgäste ihren Frust vor allem an den Mitarbeitern in Zügen und Bahnhöfen aus. Auch fast genau ein Jahr nachdem das S-Bahnchaos mit der Sperrung der Stadtbahn seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte, ist die Erinnerung bei Kunden, Angestellten und Geschäftsleuten hellwach. Der Groll hat sich aber inzwischen verflüchtigt.

Heiner Wegner erinnert sich sehr genau. Er war vor einem Jahr noch Betriebsratsvorsitzender der S-Bahn. Eher zufällig sei er da reingeschlittert. Die großen Eisenbahngewerkschaften Transnet und GDL hatten sich zerstritten. Wegner, der für eine unabhängige Liste antrat, wurde zum Kompromisskandidaten. So jedenfalls sieht er das heute. Und auch, dass das Desaster der S-Bahn seine Amtszeit zu einem der prägendsten Abschnitte seines Lebens gemacht hat. Die Krise katapultierte ihn in die Mitte des öffentlichen Interesses, plötzlich stand er überall in den Medien. Eine Rolle in die er, wie er heute sagt, erst hineinwachsen musste.

„Wir haben immer deutlich gewarnt“, sagt er. Geglaubt hat ihm damals niemand. Wegner ist Disponent, verantwortlich für die Einteilung der Züge. Das Unglück hat er kommen sehen. „Aber ich war selbst überrascht, welches Ausmaß es hatte.“

Doch Ärger bekamen aber nicht Wegners Chefs zu spüren, sondern seine Kollegen draußen. Lokführer, Aufsichtspersonal oder Fahrkartenverkäufer wurden zur Projektionsfläche für den Zorn der Fahrgäste. „Wir haben versucht, den Leuten klarzumachen, dass die normalen Arbeiter nichts dafür können.“ Wegner sprach mit Zeitungen, Rundfunksendern und Politikern. Ein ungleicher Kampf. Als er zusammen mit Bahn-Manager Ulrich Homburg vom Verkehrsausschuss gehört werden soll, kommt dieser mit seiner S-Klasse. Wegner verspätet sich an diesem Tag. Er hat die Öffentlichen genommen.

Die unverhoffte Prominenz verschaffte Wegner endlich Gehör in der Politik, exponierte ihn aber auch. Beim Bahnkonzern wurde er zur Persona non grata. Mit Kündigung sei ihm gedroht worden. Familie und Gesundheit hätten unter dem Stress gelitten. „Mehr als einmal habe ich mich gefragt, ob es das wert war“, erzählt er. Ein Jahr danach würde er es wieder tun. „Wir konnten einiges abwenden.“ Der Frust sitze bei vielen Mitarbeitern aber noch tief. Nur in den S-Bahnwerkstätten, „da schweben die Mitarbeiter zwei Meter über den Gleisen“, sagt Wegner. Sie hätten zeigen können, dass ohne sie nichts geht, dass ihre Arbeitsplätze wichtig sind.

Auch bei anderen Geschädigten der S-Bahnkrise ist der Groll inzwischen verflogen. Geschäftsleute, die in den Bahnhöfen ihre Kioske und Läden betreiben, traf es 2009 besonders hart. „Wir hatten fast keine Kunden mehr“, berichtet die Angestellte eines Süßigkeitengeschäftes am Bahnhof Zoo. Auch ein Kioskbetreiber am Bahnhof Bellevue erinnert sich nur zu gut. 50 Prozent Umsatzeinbußen habe er verzeichnet. „Zwei Wochen lang musste ich schließen.“, erzählt er. Verbittert ist er nicht mehr, möchte deshalb seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. „Ich bin mit der Bahn im Reinen.“ Als Entschädigung war die Miete für seinen Kiosk verringert worden.

Auch bei den Fahrgästen heilt die Zeit scheinbar alle Wunden. Studentin Maria Heinlein denkt zwar noch immer mit Grauen an überfüllte U-Bahnen, Straßenbahnen und Busse, die die Ausfälle der S-Bahn wettmachen mussten. Für ihr Semesterticket hat sie aber immerhin 25 Euro zurückbekommen. „Damit soll es wohl gut sein.“ Und eine alte Frau, die am Bahnhof Friedrichstraße das Gespräch mit anhört, empfiehlt: „Seid doch froh, dass die S-Bahn wieder fährt. Wer weiß, wie lange noch.“

Wegner weiß es nicht. Eine Kurskorrektur sei eingeleitet und auch die neue Unternehmensführung arbeite mit Hochdruck daran, die Situation stetig zu verbessern. „Aber was fünf Jahre versaut wurde, können wir in zwölf Monaten nicht wieder geradebiegen.“, sagt er. Da hilft nur, was bei der S-Bahn eigentlich immer hilft: Warten. Sidney Gennies

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