Sechs Stunden im Zug gefangen dank "Niklas" : "Nicht bespaßen, sondern Panik verhindern"

Ohne Toilette, mit Notbeleuchtung und draußen tobt der Sturm: So mussten 400 Menschen eines Regionalexpresses in der Nacht zum Mittwoch sechs Stunden in einem Zug zubringen. Wie die Zugbegleiterin mit dem Frust und der Ungeduld der Fahrgäste umging.

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Zug fällt aus. Wegen des Sturmtiefs Niklas kam es zu zahlreichen Oberleitungsschaden.
Zug fällt aus. Wegen des Sturmtiefs Niklas kam es zu zahlreichen Oberleitungsschaden.Foto: dpa

"Die Kollegin muss jetzt erst einmal runterfahren und wollte kein Interview führen", entschuldigte sich der Chef der Kundenbetreuer im Nahverkehr (KIN) Nordost, Thomas Stahlberg, einen Tag nach der "Niklas"-Nacht. 400 Zuggäste mussten am Dienstagabend mehr als sechs Stunden in einem stehenden Zug ausharren, nach wenigen Stunden fielen Licht und Toilette aus und vor den Zugfenstern tobte der Sturm durch den Grunewald. Mittendrin die Zugbegleiterin, die mit dieser unangenehmen Situation umgehen musste.

"Je mehr Zeit vergeht, desto dramatischer ist die Lage im Zug. Irgendwann geht es nicht mehr darum, die Leute zu bespaßen, sondern darum, dass keine Panik oder Aggression aufkommt", sagte Stahlberg. Kurz nach 18 Uhr war ein Regionalexpress der Linie RE 7 wegen eines Oberleitungsschadens liegengeblieben. Ab 22.45 Uhr habe man die Fahrgäste und Waggons mit einer Diesellok der Ostdeutschen Eisenbahn-Gesellschaft (ODEG) zum Bahnhof Wannsee transportierten können - und zwar in drei Etappen bis Mitternacht. Nach insgesamt sechs Stunden waren die letzten Sturmopfer erlöst.

Dazwischen erlebte die Zugbegleiterin der Bahn, wie der Frust im Zug immer mehr zu und die Geduld der Fahrgäste immer mehr abnahm. "Der Ton wurde immer rauer, das hat mit die Kollegin bestätigt", sagte Stahlberg, "Einige Gäste haben damit gedroht, die Scheiben einzuschlagen und auf eigene Faust zu flüchten."

Zu allem Überfluss war der Zug in zwei separate Teile unterteilt, sodass die Kundenbetreuerin mit etwa einem Drittel der Gäste nur über die Sprechanlage kommunizieren konnte. "Das ist schon eine Extremsituation", sagte Stahlberg. "Wir sind einfach froh, dass alle die Contenance behalten haben und niemand verletzt wurde." Die Zugbegleiterin habe immer wieder auf die Gefahren außerhalb des Zuges verwiesen und an den gesunden Menschenverstand appelliert - man kann auf offener Strecke nicht einfach aus- oder umsteigen.

Da der Regionalzug kein Bordbistro oder ähnliches hat, konnten die ungeduldigen Fahrgäste noch nicht einmal mit Freigetränken oder Snacks ruhig gestellt werden. "Manchmal haben wir Gummibärchen dabei, aber auch das war gestern nicht der Fall", sagte der Team-Leiter. So musste sich die Zugbegleiterin auf ihr kommunikatives Geschick verlassen.

"Unsere Mitarbeiter sind natürlich in Deeskalation geschult, aber auf so eine Situation kann man sich schlecht vorbereiten, da gibt es auch kein Handbuch", sagte der KIN-Chef, "Sie hat das sehr gut gemeistert."

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