SOS-Bahn : Was erleben Sie mit der S-Bahn?

Auf S-Bahnhöfen bitten Lautsprecherdurchsagen um Verständnis für ausfallende Züge. Unser Reporter lehnt das ab. Ein für alle Mal. Was haben Sie erlebt? Erzählen Sie uns Ihre Geschichten.

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Hurra, ein Zug! Immerhin wird einem in den überfüllten Wagen schnell wieder warm. Falls die Heizung funktioniert -Foto: ddp

Die Bahnhofslautsprecher hängen unerreichbar hoch und werden obendrein von Kameras bewacht. Deshalb können die Apparate an diesem späten Dienstagabend auf dem Südring gerade zum vierten Mal dieses zusammengestoppelte Automatengeschwätz nudeln, ohne dass jemand sie herunterreißt: „Meine Damen und Herren, auf Gleis eins, bitte beachten Sie: Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf wird … die … S 46 nach … Königs Wusterhausen … Abfahrtszeit dreiundzwanzig … Uhr fünfundzwanzig … heute leider ausfallen. Wir bitten um Entschuldigung.“ Eine Bitte, die leider abgelehnt werden muss. Weil minus elf Grad sind und der eisnebelschwere Wind aus Richtung Sibirien ins Tarifgebiet B weht. Weil die Ansage bedeutet, dass 40 Minuten lang kein Zug in diese Richtung fährt – vorausgesetzt, der nächste fällt nicht wieder aus.Weil es inzwischen genau ein Jahr her ist, dass der S-Bahn-Betrieb zum ersten Mal weitgehend zusammenbrach, weil es – Donnerwetter! – schon in jenem Winter geschneit hatte und kalt geworden war. Und weil der Bahnkonzern zunehmend den Eindruck vermittelt, als interessiere es ihn nicht wirklich, dass er täglich mehr als eine Millionen Menschen (falls es überhaupt noch so viele sind) mit seinem Dauerchaos belästigt und ihnen Zeit und Lebensqualität stiehlt. Der Chef des Verkehrsverbundes VBB hat kürzlich allein den volkswirtschaftlichen Wert der verlorenen Zeit auf 210 Millionen Euro beziffert. Da war die aktuelle Glanzleistung der S-Bahn noch nicht bekannt. „Meine Damen und Herren, auf Gleis eins, bitte beachten Sie …“

Als ich dann endlich zu Hause bin, sind über den Tag addiert 70 Minuten außerplanmäßige Wartezeit zusammengekommen, allein am Dienstag und nur für den Weg zur Arbeit und wieder nach Hause.

Zu Hause, das ist in Köpenick. Als wir vor zwei Jahren die Wohnung dort gesucht haben, zählten vor allem zwei Dinge: schöne Lage und ein S-Bahnhof in Laufweite, damit der tägliche Arbeitsweg nicht zum Problem wird. In den ersten Monaten hat es wunderbar geklappt. Damals hatte ich die Wahl zwischen drei Linien mit insgesamt 20 Waggons in 20 Minuten. Jetzt sind es zwei Linien und zehn Waggons. An die guten alten Zeiten erinnert nur noch der Fahrpreis. Dass die Züge dank gefälschter Wartungsprotokolle damals mit teilweise kaputten Bremsen herumfuhren, fiel ja dem Laien nicht auf, solange sie noch da anhielten, wo man ein- oder aussteigen wollte. Und als Ende 2006 am Südkreuz ein Zug ohne Bremssand in eine Arbeitsmaschine krachte, war ich glücklicherweise gerade im Büro angekommen. Wer war doch gleich für die gefälschten Wartungsprotokolle verantwortlich, Herr Homburg?

Ach ja, der Herr Homburg. Konzernvorstand für Personenverkehr und brutalstmöglicher Aufklärer. Hat er jedenfalls dem Parlament versprochen. So oft und so wortreich, dass der neben ihm im Verkehrsausschuss sitzende Chef des Verkehrsverbundes VBB sagte: „Was ich hier höre, lässt meinen Blutdruck steigen!“, und ihn die Abgeordneten anherrschten, er solle endlich ihre Fragen beantworten, statt ihnen immer wieder dassselbe zu erzählen. „Meine Damen und Herren, auf Gleis eins, bitte beachten Sie …“

Als Homburg im Parlamentsausschuss saß, fuhr die S-Bahn so ähnlich wie zurzeit, aber es war 30 Grad wärmer draußen und deshalb ganz angenehm zu radeln. Es gibt wahrscheinlich ein paar Hunderttausend Menschen in dieser Stadt, die Herrn Homburg ganz spontan ein paar Dinge zu erzählen hätten: Von weniger Zeit für die Kinder, von geplatzten Bewerbungsgesprächen, versäumten Arztterminen, von weggeworfenen Fahrradmonatskarten, vom täglichen Sardinenbüchsengefühl oder von der Erfahrung, dass man als Rollstuhlfahrer oder als Mutter mit Kinderwagen seine Aktivitäten besser auf die Tagesrandzeiten ausweicht, um in die Bahn zu passen. Aber der Herr Homburg ist schwer zu erwischen, weil er viel zu tun hat und nicht S-Bahn fährt, sondern S-Klasse.

Soll ich mir ersatzweise diesen Fahrkartenautomaten vorknöpfen, der hier so dumm herumsteht? Nein, sollte ich nicht, wegen der Kameras und weil die Reparatur wiederum den S-Bahnern zusätzlichen Ärger machen würde, die auf ihre Weise ebenfalls unter dem Desaster leiden. Ein Glück, dass die Wut sich bisher nicht allzu heftig bei den S-Bahnfahrern entlädt, die der von oben organisierte Niedergang ihres einst (bis ca. 2006) nahezu perfekt funktionierenden Unternehmens ebenso schmerzt.

Hurra, ein Zug! Er trägt einen Bart aus Eiszapfen im Gesicht und einen roten Zettel an der Seite des ersten Wagens: „Türstörung.“ Am zweiten kleben gelbe Zettel: „Wagen heizt nicht.“ Im dritten ist es den Umständen entsprechend gemütlich. Den Dreck und die im Fahrtwind klappernden Fensterscheiben nimmt man gern in Kauf, so lange der Zug rollt. Mitternacht: geschafft, endlich zu Hause! Mittwochmorgen, wieder im Büro, die Nacht war kurz. Der Weg zur Arbeit hat diesmal besser geklappt: Die S 46 fährt jetzt wieder durch bis nach Westend; die Verlängerung kam genauso unangekündigt wie das vorzeitige Ende der Linie in Tempelhof am Tag zuvor. Umsteigen am Südkreuz ist kein Problem, zumal sogar die Rolltreppe funktioniert, was nicht alle Tage vorkommt. Mal sehen, wie das wird, wenn’s taut und wieder überall das Wasser durchs Dach auf die Bahnsteige trieft. Der Bahnhof ist übrigens dreieinhalb Jahre alt.

Die S-Bahn-Therapiegruppe der Redaktion

Nach einer Viertelstunde (normalerweise sind es zwei Minuten) kommt auch der Anschlusszug. Kurzes Geplauder der S-Bahn-Therapiegruppe in der Redaktion. „Mir gefällt die Rolltreppe hier unten am Anhalter Bahnhof am besten, auf die seit Wochen immer wieder ein neues Schild geklebt wird, wann sie angeblich repariert ist“, knurrt der für die Glossen zuständige Kollege. Die Frau aus der Kultur kann diesmal keine Schauergeschichten beisteuern, weil sie neuerdings zur Arbeit läuft, um nicht zu erfrieren. Ein Kollege aus der Politikredaktion berichtet von den täglichen Kontrollen. Gestern habe sich eine ältere Dame beschwert: „Da lassen Sie uns ewig warten und haben dann nichts besseres zu tun, als die Tickets zu kontrollieren. Eine bodenlose Frechheit.“ Der Kontrolleur habe nur die Augen verdreht. Eine weitere Kollegin berichtet vom frustrierenden Sonntagsausflug, als die angezeigte S-Bahn am Wannsee nicht kam und man mangels Ansage sehenden Auges den Regionalexpress wegfahren ließ.

Google findet zu den Schlagworten „S-Bahn Chaos Berlin“ 434 000 Treffer, und in der Mailbox sind neue Nachrichten: Der Verkehrsexperte der CDU-Fraktion fordert den Senat auf, zusätzliche Busse, Trams und U-Bahnen „auf allen Linien der BVG“ fahren zu lassen, mehr Regionalbahnen in die Innenstadt zu schicken sowie die Parkraumbewirtschaftung und die Umweltzone auszusetzen. Ein Potpourri, das bei genauerer Betrachtung nur bestätigt, wie sehr die S-Bahn-Misere die Leute ärgert und wie machtlos sie zugleich dagegen sind.

Eine Boulevardzeitung ruft auf ihrer Titelseite nach Angela Merkel als Retterin der S-Bahn. Super Idee. Aber warum keine Blauhelme?

Auch der Kollege von der FDP hat eine Erklärung gemailt und fordert weitere Entschädigungen der Fahrgäste, etwa Gratis-Wochenenden, die zugleich den Tourismus ankurbeln würden. Außerdem kündigt er einen Antrag fürs Parlament an, der dem Senat Beine machen soll, der Bahn weitere Zugeständnisse abzutrotzen. Ein Anruf in der Pressestelle ergibt, dass das Thema zurzeit nicht auf der Agenda stehe. Und was den Notfahrplan betrifft, „müssen wir uns weiter durchhangeln“, sagt ein Bahnsprecher. Die S 1 fahre nur auf dem Abschnitt zwischen Zehlendorf und Nordbahnhof alle zehn Minuten, die S 2 nur zwischen Buch und Nordbahnhof. Dafür wurde außer der S 46 auch die S 9 vom Flughafen Schönefeld über den Treptower Park hinaus wieder bis nach Pankow verlängert. „Unsere Kunden tun gut daran, sich auf dem Laufenden zu halten“, sagt der Sprecher. Dass die Bahn ihre Ad-hoc-Amputationen seit dem Jahreswechsel gar nicht mehr allen Medien mitteilt, sagt er nicht.

Verkehrssenatorin Ingeborg Junge- Reyer (SPD) will sich an diesem Donnerstag zur Causa S-Bahn äußern. Mal sehen, was ihr zu diesem Jammer noch einfällt.

Was haben Sie erlebt? Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Notstand der S-Bahn bisher gemacht? Erzählen Sie uns Ihre Geschichten, nutzen Sie die Kommentarfunktion.

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