Tempelhof : Angst vor dem Absturz

Das Volksbegehren ist zwar geglückt, es ist trotzdem nicht allzu unwahrscheinlich, dass der Flughafen Tempelhof geschlossen wird – und was kommt dann auf die Nachbarn zu? Eine Ortsbesichtigung.

Thomas Loy
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Viel Platz. Der "Rollfeld"-Wirt macht sich Sorgen um seine Geschäfte, sollte Tempelhof tatsächlich schließen. -Foto: Davids

Als das Restaurant „Am Rollfeld“ noch eine Kneipe war, hieß es „Einflugschneise“. Einmal im Monat ist „Fliegerstammtisch“. Kann hier einer gegen den Flughafen sein? „Patriotische Pflicht“, sagt der Wirt etwas mürrisch. Die Bedienung am Tresen ist auch für den Flughafen, weil „es keine Sicherheit mehr gibt, wenn alles offen ist“. Sie möchte ihren Namen nicht sagen, aber ihre Befürchtungen: „Nachher bauen sie da ein Asylantenheim hin oder noch ’ne Moschee.“ Ein Gast, er heißt Harald Wittenberg, Ein-Euro-Jobber, schwärmt von den Rallyes, die er früher auf dem Flughafen gefahren ist, irgendwann in den 70er-Jahren muss das gewesen sein. „Ick bin hier uffjewachsen. Ick kann mir ein Leben ohne den Flughafen einfach nicht vorstellen.“

Ein großes weites Nichts mit Zaun davor, so sieht der Flughafen Tempelhof aus, wenn man von Westen hineinschaut, wo die Neu-Tempelhofer wohnen. Ihnen gehört der Flughafen nicht, aber er gehört eindeutig zu ihnen. Die Straßen tragen Namen berühmter Jagdflieger aus dem Ersten Weltkrieg. Die Siedlung entstand parallel zum Flughafen in den 20er-Jahren. Es gibt ein „Café an der Luftbrücke“, eine „Apotheke am Flughafen“ und sogar einen FC Flughafen Tempelhof. Nirgends in der Stadt wird so leidenschaftlich für und seltener auch gegen den Flughafen gestritten wie hier.

Prominentestes Streitpaar sind die Buchdrucker und SPD-Politiker Müller, Vater Jürgen und Sohn Michael, zur Zeit Fraktionsvorsitzender im Abgeordnetenhaus. Der Vater sitzt im Betrieb am Bayernring und erzählt lachend, wie er schon vor 20 Jahren, da war er noch SPD-Vorsitzender in Tempelhof, seine Genossen fragte, ob sie den Flughafen nicht schließen möchten. „Zu meinem Erstaunen waren die meisten gegen eine Schließung.“ Heute sei er der Einzige in der Tempelhofer SPD, der sich offen für den Weiterbetrieb ausspricht. Warum? „Weil ich mit dem Flughafen groß geworden bin.“ Sein Sohn allerdings auch.

Auch Vater und Sohn Koch, Handwerker aus der Paradestraße, sind uneins, aber umgekehrt. Vater Klaus ist für die Schließung, weil „sich einem die Haare kräuseln vor Kerosingestank, wenn die Hubschrauber im Tiefflug kommen“. Sohn Bastian sagt: „Stört mich nicht. Der T-Damm ist viel schlimmer.“ Der mit Autos völlig überlastete Tempelhofer Damm stört viele noch mehr als der Flughafen, aber eine Hauptverkehrsstraße kann man nicht so einfach schließen.

Im Norden, am Portal des Flughafens, sind sie fast einhellig für den Fortbestand. „Eine Perle aus der Hand geben - warum?“, fragt sich Wolfgang Witzke vom „Fliegerladen“, der Flugzeugmodelle und Fachliteratur führt. Viele Geschäfte seien dem schleichenden Niedergang des Flughafens schon zum Opfer gefallen, zum Beispiel nebenan der Porzellanladen. Gegenüber, an der Dudenstraße, diskutiert Melitta Manigh vom Restaurant „Romi“ mit ihren Gästen regelmäßig über den Flughafen. Sie fürchtet sich vor Vandalismus und mehr Kriminalität, wenn aus dem Flughafen ein Landschaftspark geworden ist. „Wer soll den pflegen? Das kann doch niemand bezahlen.“ Eine zweite Hasenheide mit Drogendealern und wilden Grillplätzen, das könne hier keiner gebrauchen.

Weiter im Süden, zur Ringbahn hin, wird das Ambiente immer idyllischer. Endlose Reihenhaus-Fluchten mit putzigen Vorgärten. Neu-Tempelhof präsentiert sich hier als Architektur-Kleinod und ökologische Musterstadt, und da sind sie auch schon, die jungen Akademiker-Mütter mit kritischem Blick himmelwärts. Die Charterjets donnern direkt über die Häuser. Seit vier Jahren wohnt Juliane Ackermann, 36, Ärztin, in der Siedlung und erinnert sich mit bitter-süffisantem Lächeln an den letzten „Red Bull Flugtag“. Sie will, dass der Fluglärm so schnell wie möglich aufhört, stattdessen wünscht sie sich Konzerte mit Barenboims Staatsoper in der Abflughalle. Keinesfalls dürfe dort ein Disney World oder ein Lunapark aufmachen.

Als Hausbesitzerin, sagt Juliane Ackermann, habe man das Recht, sich auch um die Wertentwicklung seiner Immobilie zu sorgen. Helene R., Sprecherzieherin, gerade erst aus Kreuzberg ins Reihenhaus nach Neu-Tempelhof gezogen, ist das mit den Grundstückspreisen egal. Den Flughafen möchte sie schließen, damit sie in einem großen Park mit ihrem Kind spazieren gehen kann. Überhaupt sollte man weniger fliegen, findet sie, wegen der Umwelt.

In der Hoeppnerstraße, direkt an S-Bahn, Autobahn und Einflugschneise, wohnt Waltraud Pastor, 70 Jahre alt, zur Miete, mit Blick auf Möbel Kraft und die kleinen Chartermaschinen, über die sich die Enkelkinder immer so freuen. Frau Pastor ist leicht gehbehindert, ihr Gehör funktioniere aber noch ausgezeichnet. Am störendsten sei die S-Bahn, aber „man kann nicht immer nur an sich denken“.

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