Tempelhof-Entscheid : Reine Ansichtssache

Für die einen ist Tempelhof Großstadtgefühl, für die anderen nur ein teures Symbol. Die Grenze zwischen Gegnern und Befürwortern des Flughafen Tempelhof geht quer durch alle Bevölkerungsschichten. Prominente sagen, was sie von Tempelhof halten.

210047_0_7969ba82
Der Schriftsteller Wladimir Kaminer gehört zu jenen, die am Sonntag "Tempelhof retten" wollen. -Foto: dpa

Norbert Kopp (CDU)

, Bezirksbürgermeister von Steglitz-Zehlendorf, 54

„Tempelhof ist für mich ein Stück Großstadtgefühl. Um diesen Flughafen im Herzen der Stadt beneiden uns doch viele andere Metropolen. Das ist ein Standortvorteil, damit können wir neue Unternehmen nach Berlin locken und unsere Wirtschaftskraft weiter entwickeln, was ja dringend notwendig ist. Wenn wir Tempelhof schließen, geben wir dieses Kapital leichtfertig auf. Außerdem ist schon jetzt absehbar, dass der neue Großflughafen BBI in Schönefeld bereits zur geplanten Eröffnung 2011 mehr als ausgelastet sein wird. Vor allem kleinere Geschäftsflieger könnten dann nach Tempelhof ausweichen.“

Wladimir Kaminer, Autor und DJ, 40

„Die wollen den Flughafen schließen, nur weil er ein bisschen Lärm macht. Wie bescheuert ist das denn, bitte? Dann können sie gleich noch viel mehr schließen, und am Ende ist Berlin so langweilig wie Offenburg. Was ist zum Beispiel mit dem Hauptbahnhof? Der macht auch Lärm. Also weg damit! Aber ganz im Ernst: Ich geh am Sonntag abstimmen, weil ich Tempelhof retten will. Und die Kampagne der Gegner finde ich sowieso urspießig.“

Dieter Hoeneß, Manager Hertha BS C, 55

„Der Flughafen Tempelhof muss offen bleiben – wenn er sich wirtschaftlich rechnet. Ich glaube, es wäre ein Fehler, die Lizenz abzugeben, weil BBI aus allen Nähten platzen wird. Wir würden in zehn Jahren sagen: Hätten wir mal nicht die Lizenz abgegeben! Wir von Hertha fliegen nicht mehr so häufig von Tempelhof, und wenn, dann nur für regionale Kurzflüge wie nach Paderborn oder Bremen oder auch Dänemark. Ein Vorteil: Wenn ein Geschäftspartner kurz zu uns ins Büro muss, dann kann er mit seinem Flugzeug schnell dorthin. Am besten finde ich allerdings den Flughafen Tegel, der ist genial. Ich bin ein Tegel-Fan. Aber darum geht es ja nicht am Sonntag.“

Dr. Motte, Techno DJ, 47

„Frei nach Stoiber sage ich: Also in zehn Minuten, wenn Sie am Flughafen Tempelhof starten, sind sie in zehn Minuten bei der Bundeskanzlerin, vergleichen Sie das mal mit den anderen Städten. Zehn Minuten! So lange braucht man in Frankfurt zum Gate. Aber statt ein historisches Gebäude mit Leben zu füllen, wird in dieser Stadt immer alles kaputt gemacht, was Kultur hat.“

Nina Queer, Drag-Queen, zirka 25

„Als Prominente fliege ich natürlich gerne von Tempelhof. Ich bin dafür, dass es ein Luxusflughafen nur für Reiche wird. Wenn der Senat ihn trotzdem schließen will, hoffe ich, dass wenigstens der Vorschlag mit dem Beauty-Krankenhaus durchkommt. Dann kann ich mir endlich nach amerikanischen Standards Botox spritzen lassen.“

Andrej Hermlin , Bandleader, 43

„Selbstverständlich bin ich für die Offenhaltung, weil Tempelhof einer Stadt wie Berlin die einmalige Möglichkeit bietet, Geschäftsleute und Stars in die Stadt zu bekommen, auf die man ja auch angewiesen ist. Ich habe auch noch kein vernünftiges Konzept zur Nachnutzung gehört.“

Tita von Hardenberg, Moderatorin, 40

„Ich gehe auf jeden Fall abstimmen, denn ich möchte, dass der Flughafen Tempelhof unbedingt offen bleibt. Der Berliner Senat erkennt nicht, dass wir mit Tempelhof ein Pfund haben, mit dem wir wuchern müssen. Um so einen Flughafen würde uns jede andere europäische Stadt beneiden. Mir leuchtet nicht ein, warum durch den so kleinen Flughafen Tempelhof der Großflughafen BBI in Gefahr ist. Meine Unterlagen zur Abstimmung liegen schon bereit.“

Hans-Peter Wodarz, Gastronom, 60

„Ich bin für Tempelhof, ganz klar, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass die beiden Landebahnen in Schönefeld für den immer weiter wachsenden Flugverkehr ausreichen. Außerdem ist der Flughafen schon wegen der Geschichte der Stadt enorm wichtig. Und er bringt viel mehr Businessverkehr und damit Geld in die Stadt.“

Daniel Wall, Unternehmer, 42

„Der Flughafen Tempelhof hat Geschichte geschrieben. Sein denkmalgeschützter Gebäudekomplex ist eines der Wahrzeichen Berlins und sollte mindestens so lange in Betrieb bleiben, bis Schönefeld tatsächlich eröffnet wird. Die zentrale Lage in der Stadt ist einmalig in Europa – und mit drei Flughäfen kann die Hauptstadt doch nur punkten.“

Pyranja, Rapperin, 29

"Tempelhof kann gerne dicht gemacht werden, denn erstens: Ich finde Tegel viel schöner. Und zweitens: Man könnte das Gelände wunderbar nutzen, am liebsten wäre mir ein hammerfetter Riesenpark im New-York-Style, sozusagen ein Friedrichshainer Volkspark in groß! Aber unbedingt für jedermann nutzbar und kostenlos. Die alten Gebäude können wir natürlich auch gut brauchen: Da sind schließlich jetzt schon Band-Proberäume drin."

Heinz Buschkowsky , Bezirksbürgermeister von Neukölln, 59

"Ich bin in den Nachkriegsjahren in Neukölln geboren, also ein Kind der Luftbrücke. Deshalb habe auch ich viel Sympathie für den Flughafen. Die starken Emotionen, mit denen sich vor allem ältere Berliner gegen die Schließung wehren, kann ich gut verstehen. Aber wir müssen uns trotz aller Geschichtsträchtigkeit klar machen, dass dieser Airport inmitten großer Wohngebiete einfach nicht mehr zeitgemäß ist – schon alleine wegen des Lärms und der Gefahren, die von ihm ausgehen. Im Übrigen ist doch auch der neue Großflughafen BBI in Schönefeld ein citynaher Flughafen. Dessen Verbindungen zur Innenstadt werden bereits hervorragend ausgebaut."

Tilmann Heuser, BUND-Geschäftsführer, 41

"Klar, dieser Flughafen hat eine herausragende Geschichte, weil er Berlin während der Luftbrücke einst das Überleben und die Zukunft sicherte. Aber gerade diese besondere Geschichte können wir für spätere Generationen viel besser erzählen und dokumentieren, wenn Tempelhof geschlossen wird. Erst dann ist es möglich, attraktive Erinnerungsstätten auf dem Gelände zu schaffen, die Historie erlebbar machen. Zum Beispiel durch ein Luftbrücken-Museum in den Gebäuden. Oder durch Baumalleen auf dem heutigen Rollfeld, an deren Stämmen Namensschilder an die Luftbrückenpiloten erinnern. Drumherum sollten familiengerechte, generationsübergreifende und ökologische Wohnsiedlungen entstehen. Das wäre für Berlin wieder ein mutiges ,Unternehmen Zukunft‘ – genauso wie die Luftbrücke."

Moritz Rinke, Schriftsteller, 40

"Wer braucht denn wirklich Tempelhof? Symbole müssen ja nicht in Betrieb sein, man kann doch ein kleines Rosinenbomber-Museum hinstellen, umgeben von Wald, Park, Wiesen, Fußballplätzen. Luftbrücke war schön. Luft für die Anwohner ist jetzt vielleicht besser. Ansonsten könnte man sich ja mal Gedanken machen, wie man am Flughafen Schönefeld den S-Bahn-Bereich so ausstattet, dass es ein Osteuropäer schafft, auch mal in Mitte anzukommen anstatt in der Hermannstraße oder in Senftenberg."

Volker Ludwig, Chef des Grips-Theaters, 71

"Unser ganzes Haus ist empört, welche Propagandawalze pro Tempelhof zur Zeit über Berlin rollt. Ich lasse mich nicht gerne auf diese Weise bedrängen. Und es ist auch jammerschade, dass die Fantasie in diesem ganzen Spektakel so wenig zum Zuge kommt. Auf dem Tempelhofer Feld kann man sich doch wunderbare Projekte vorstellen, hier könnte der ,Central-Park‘ von Berlin entstehen. Von der Gegenseite habe ich im Übrigen noch kein vernünftiges Argument für die Offenhaltung gehört. Dieser Flughafen ist überflüssig, defizitär, laut und ein Sicherheitsrisiko; er ist ökonomisch und ökologisch unsinnig. Wer Tempelhof wirklich ,retten‘ will, wie es so schön auf den Plakaten heißt, muss den Flughafen schnell schließen."

Eckart von Hirschhausen, Kabarettist, 40

"Warum übernimmt nicht die Bahn Tempelhof und macht einen Bahnhof draus? Ich habe gehört, es gebe auch noch freie Transrapidkapazitäten. Dann hätte man endlich wieder einen Bahnhof in Berlin, der verkehrsgünstig gelegen ist. Es wird sowieso zu viel geflogen in Deutschland. Das wäre salomonisch und ökologisch gleichzeitig."

Susanne Stumpenhusen, Verdi-Chefin, 53

"Schade, dass die Debatte um Tempelhof so unsachlich geworden ist und politisch instrumentalisiert wird. Das liegt am fehlenden Nachfolgekonzept, das leider viel zu spät angegangen wurde und noch nicht schlüssig vorliegt. Aber man kann sich ja eine Menge neuer Vorhaben auf dem Tempelhofer Feld vorstellen. All diese Projekte sind auf jeden Fall sinnvoller als der jetzige Flughafen. Ein Verkehrsflughafen würde dort ohnehin nicht mehr neu genehmigt, weil die heute vorgeschriebenen Sicherheitszonen in Tempelhof gar nicht einzuhalten sind."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben