Tempelhof : Inselflucht

In 14 Tagen schließt der Flughafen Tempelhof. Für viele war er seit den Fünfzigern das Tor zur Welt.

Fatina Keilani

Die Blockade war vorbei, die Luftbrücke auch, Deutschland war geteilt, aber noch ohne Mauer, man schrieb das Jahr 1950. Einfach wegfliegen, das konnte sich noch nicht jeder leisten, aber die Verlockungen der weiten Welt waren groß, und die Berliner zog es hinaus. Die Amerikaner gaben einen Teil des Flughafens zur zivilen Nutzung frei, und fortan wurde Rekord um Rekord aufgestellt. Schon kurze Zeit später meldete der Tagesspiegel, Berlin liege an der Spitze aller deutschen Flughäfen, weit vor Hamburg, München und Frankfurt – allein im Oktober 1951 waren fast 35 000 Passagiere gelandet oder abgeflogen.

Für die Berliner wurde der Flughafen ein Tor zur Welt, angesteuert von den Linien der Alliierten, nämlich Pan Am, British Airways und Air France. Zudem war es nur durch die Luft möglich, ohne Kontrollen durch die DDR von Westberlin nach Westdeutschland zu gelangen. Denn erheblichen Anteil am Fluggastaufkommen hatten Flüchtlinge, die Westberlin nicht auf dem Landwege verlassen konnten. Flüge in die Sonne waren zunächst noch keine Massenerscheinung.

Binnen weniger Jahre war die Kapazitätsgrenze des Flughafens erreicht. 1951 wurden 320 000 Passagiere befördert, bis 1954 wuchs die Zahl auf 650 000 Fluggäste. Anfang 1959 meldete der Tagesspiegel: „Auf dem Flughafen Tempelhof sind im Laufe des vergangenen Jahres 1 127 235 Passagiere abgefertigt worden, darunter 93 000 Flüchtlinge“.

Mehr Platz musste her. Das Land war friedlich und im Konsumrausch, viel Militär nicht mehr nötig – 1959 wurde erfolgreich mit dem Amerikanern über die restlichen, noch militärisch genutzten Teile des Geländes verhandelt. Nach drei Jahren Umbau stand nicht nur die neue, größere Abfertigungshalle, sondern auch die Mauer, und wer Berlin verlassen wollte, war doppelt froh, wenn er dies auf dem Luftwege tun konnte.

Stattliche zweieinhalb Millionen Passagiere konnten nun jährlich am Flughafen abgefertigt werden, doch es kamen immer mehr. Der Deutsche hatte den Pauschaltourismus entdeckt, es ging jetzt zunehmend nicht nur nach Westdeutschland, sondern auch nach Italien und Österreich. Schon 1970 war der Zentralflughafen erneut überlastet. Tempelhof schaffte die Massen nicht mehr. Die Charterflüge wurden 1968 nach Tegel verlegt; nach und nach zogen die meisten Fluglinien an den neu errichteten Flughafen, der zunächst aber noch kein Ersatz sein konnte. Das änderte sich mit der Eröffnung des sechseckigen Abfertigungsgebäudes von Tegel im Jahr 1974. Tempelhof wurde 1975 geschlossen.

Seit 1985 wurde von dort wieder geflogen – allerdings nur kleinere Maschinen. Im vereinten Berlin war der citynahe Airport überflüssig geworden. Schönefeld und Tegel sind vorerst die Tore zur weiten Welt. Als nächstes soll Tegel geschlossen werden. Fatina Keilani

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