Tempelhofs Zukunft : Ja, macht nur einen Masterplan

Die Zukunft des ehemaligen Flughafens Tempelhof ist unklar. Es fehlt ein durchschlagendes Konzept. Das dämmert auch dem Senat – und der Regierende Bürgermeister will demnächst handeln. Aber wie?

Peter von Becker

Tempelhof ist tot. Es lebe Tempelhof! Das war, nach den langen Debatten verkürzt gesagt, die Devise, mit der Klaus Wowereit und der Senat die umstrittene Schließung des Flughafens Berlin-Tempelhof betrieben haben. Nun ist Tempelhof einerseits Vergangenheit, doch die versprochene Zukunft ist wohl so offen, dass der Regierende Bürgermeister inzwischen im kleinen Kreis über eine konzisere Tempelhof-Strategie berät. Gedacht wird auch an einen womöglich von außen zu engagierenden Masterplaner. Denn man spürt: Es muss sich was tun, zuerst mal im Kopf.

Bis zum 5. Januar läuft noch ein öffentlich ausgeschriebener Ideen-Wettbewerb der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, und allenthalben ist von der geforderten „Vision“ für das Gelände des einstmals modernsten Großstadtflughafens der Welt die Rede. Trotz der augenblicklichen Schloss-Debatte, die letztlich der Bund zu entscheiden hat, ist die Zukunft von Tempelhof für Berlin die viel größere und weitgehend selbstbestimmte urbanistische Herausforderung.

Um den Abschied vom Airport zu versüßen, erweckte der Senat gerne den Eindruck, als hätte man ein Füllhorn von Ideen für das Nachleben in der Hinterhand. Viel mehr jedoch als eine Siedlung am Rande des Areals (das Columbia-Quartier) und die Bewerbung um eine Internationale Bauausstellung und gar noch eine Gartenschau haben Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge- Reyer und ihre Baudirektorin Regula Lüscher bisher nicht vorgeschlagen. Eine Bau-Expo oder ein Begrünungs-Event, das ist freilich das, was allen Verantwortlichen zwischen Rostock und Rosenheim als Erstes einfällt, wenn sie eine größere Freifläche entdecken – und dafür noch Bundes- oder EU-Mittel anzapfen möchten.

Konzepte sehen anders aus. Lassen wir dabei das hohe Wort Vision. Aber auch zur Entwicklung eines jetzt notwendigen, den riesig ausschwingenden Flughafenbau von Architekt Ernst Sagebiel und das fast 400 Hektar große freie Flugfeld integrierenden Masterplans braucht es: eine verbindende und beflügelnde, für alle Ausschreibungen Maßstäbe setzende Grundidee.

Richtig berühmt wurde Tempelhof vor genau 60 Jahren durch die Luftbrücke. Die ist indes die meiste Zeit nur als politisch-militärisches Projekt und als technisch-logistisches Wunder begriffen und gewürdigt worden. Mit Veteranentreffen, Blaskapellen und zum 50. Jubiläum mit einem Großen Zapfenstreich. Dieser Sieg im Kalten Krieg war jedoch viel mehr, als sich die Rosinenbomberromantik träumen lässt. Er entsprang einem ungeheuren Geistesblitz: etwas zu unternehmen, was es noch nie gegeben hatte.

Niemals hatte eine mit aller Übermacht umzingelte Stadt dieser Größe allein mit den Waffen menschlichen Erfindergeists einer einjährigen Belagerung standgehalten. Später allenfalls dem Mondflug-Programm vergleichbar, waren die 280 000 Flüge des großen Airlifts 1948/49 auch ein Tat gewordener Gedankenflug über scheinbar unüberwindliche Grenzen hinweg. Weil man schon damals dachte: Yes, we can.

Tempelhofs Botschaft, im Kern begriffen und in ein Sinnbild übersetzt, sie lautet: Troja ist nicht gefallen! Nicht hier.

Der Flughafen Tempelhof, der demnächst auch auf der Weltkulturerbe-Liste stehen dürfte, gehört darum als Symbol nicht allein zur West-Berliner Historie, sondern zur Menschheitsgeschichte. Er ist ein Weltkulturort. Und wer ihn heute betritt, die stille Abflughalle, das theaterhafte, arenagleiche Vorfeld unter dem dynamisch ausladenden Betonschirmdach, der fühlt sofort eine in der Architektur der Stadt sonst kaum erlebbare, unvergleichliche Spannung und Aura. Eine Einladung zu neuem Leben – bevor Gras darüber wächst, bevor das Ruinenleben beginnt. Auch mit einer kurzfristigen, bunt gemischten Nutzung oder der Event-Vermietung der Abflughalle und Hangars bliebe hier nur eine Zukunft auf Raten.

Den frühesten und bisher interessantesten Antrag haben seit zwei Jahren die boomenden Filmstudios Babelsberg eingereicht, die gleich mehrere Hangars und Anbauten als Ateliers und Werkstätten nutzen wollen und sich auch eine Rolle als Generalunternehmer vorstellen können. Frisch animiert durch die soeben vereinbarte Koproduktion von 15 Hollywoodfilmen in den nächsten fünf Jahren drängt Babelsberg auf baldige Vertragsverhandlungen über Tempelhof. Dagegen hält Finanzsenator Thilo Sarrazin wegen der noch zu übertragenden Anteile des Bundes an der Gesamtimmobilie Tempelhof die Sache erst Ende 2009 oder gar 2010 für spruchreif. Aber auch diese Abwarte-Taktik steht bei Klaus Wowereit inzwischen in Frage.

Klar müsste bei einer neuen und möglicherweise beschleunigten Orientierung sein, dass Berlin auch in Tempelhof mit seinen einzigen Pfunden wuchern muss: Kultur, Wissenschaft, Medien und neuer Kreativwirtschaft. Für Vorschläge, das gesamte Flugfeld in einen Berliner „Central Park“ mit umgebenden Wolkenkratzern umzuwandeln (so Architekt Stephan Braunfels im Tagesspiegel), fehlt Berlin jedenfalls die wirtschaftliche und demografische Dynamik. Andere Konzepte wie die eines Militaria- und Flugzeugmuseums greifen zu kurz, und, apropos Gartenbauausstellung: Grün ist Berlin schon jetzt, an Parks und Gärten fehlt es der Stadt am wenigsten.

Viel anregender hatte am 21. Oktober der russische Architekt Sergei Tchoban im Tagesspiegel argumentiert: Er, der aus dem einst von den Deutschen belagerten (damaligen) Leningrad stammt, sieht Tempelhof als „Landeplatz“ der Kultur. So kann sich Tchoban die imposante, auch schon für Konzerte erfolgreich genutzte Abflughalle als die von Berlin seit langem gesuchte Ausstellungshalle für Gegenwartskunst vorstellen. Diese Idee hat etwas Schlagendes. Zumal, wenn man daran denkt, wie gut inzwischen das Münchner Haus der Kunst, von Hitler einst für die NS-Bildnerei und gegen die verfolgte „entartete Kunst“ gebaut, mit aktuellen Ausstellungen zum glanzvollen Ort der Moderne geworden ist. Tempelhofs Abflughalle mitsamt seiner Galerie im Obergeschoss wäre noch spektakulärer, auch für raumgreifende Installationen geeignet – und viel besser als die Charlottenburger Messehallen auch als Ort des jährlichen Art Forums vorstellbar. Dieses Projekt wäre hier mit geringerem Aufwand als anderswo zu realisieren.

Künstlerateliers hätten dazu im riesigen Halbrund Platz, selbst dann, wenn die Filmstudios kämen. Und zur Illustration des Konzeptions- und Handlungsbedarfs: Soeben hat die geldklamme Opernstiftung den Umbau einer alten Druckerei nahe dem Ostbahnhof begonnenen, um dort die gemeinsamen Werkstätten der drei Berliner Opern zu installieren: Kosten knapp 25, 5 Millionen Mark, Fertigstellung Frühjahr 2010. Auch das hätte man in Tempelhof wohl einfacher und preisgünstiger haben können.

Nicht mehr losgelöst von der kulturwirtschaftlichen Nutzung des ehemaligen Hauptgebäudes sollte auch die Zukunft des riesigen Flugfeldes bedacht werden. Wer eine integrative und gar wechselseitig inspirative Lösung sucht, könnte beispielsweise auf die Verwandlung in einen publikumsoffenen Technologie- und Wissenschaftspark kommen. Mögliches Stichwort: „Einstein-Park“.

Ähnlich wie der Gedanke des Humboldt-Forums beim Schloss, könnte ein Name als Programm auch strategisch zünden. Und tatsächlich erinnert an den berühmtesten Wissenschaftler, den Berlin je hatte, in der Stadt außer einem nach ihm ohne Anlass benannten Stück Grün mit Kinderspielplatz und zwei winzigen Gedenktafeln nichts. Auch gegen den für Berlins Tourismus wichtigen Erlebnisaspekt eines populären Wissenschaftsparks hätte der gewitzte, völlig unelitäre Professor E. kaum etwas eingewendet.

Im Idealfall ließe sich so eine Mischung ausmalen aus französischem Futuroscope plus einer Prise Disneyland und den Attraktionen der neuen VW-Stadt in Wolfsburg oder dem Air & Space Museum in Washington. Zumindest als Work in Progress, das seine komplexe Selbsterfindung gleich ausstellen könnte.

Allerdings: Wer für die gigantische Brache des Flugfelds in diesen Tagen finanzkräftige Investoren gewinnen will, der muss, wenn es um mehr als die grüne Wiese geht, schon ein sehr verführerischer Masterplaner sein. Aber nötig wäre er, wäre sie als Findekopf allemal.

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