Verkehr : Berliner Durchschnitt: 330 Baustellen pro Tag

Die BVG saniert ihre Tunnel, die Wasserbetriebe flicken ihre Leitungen, der Senat baut neue Brücken - und der mobile Berliner kommt nicht voran. Ein Überblick über die schlimmsten Staustellen.

Thomas Loy
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Bald gehts wieder geradeaus. Diese Baustelle am Kaiserdamm - hier dichtet die BVG marode Tunneldecken ab - soll im Oktober...Foto: Thilo Rückeis

Jetzt auch noch das Einheitsfest. Bis zum Wochenende sind die Straßen rund um das Brandenburger Tor gesperrt, da wird es auf der Tiergartenstraße und der John-Foster-Dulles-Allee wieder eng. Der mobile Berliner darf seit Wochen zwischen Teufel und Beelzebub wählen, zwischen S-Bahn und überfüllten Straßen.

Für das S-Bahnchaos wurden bereits Schuldige ausfindig gemacht, bei Straßensperrungen wegen Großereignissen oder Baustellen ist die Lage viel unübersichtlicher. Die Polizei legt Demonstrationsrouten fest, der Senat baut Brücken, die Bezirke erneuern Straßen, die BVG saniert Tunneldecken, Vattenfall baut Fernwärmeleitungen, und die Wasserbetriebe flicken ihr marodes Leitungsnetz. Koordiniert wird alles von der senatseigenen „Verkehrslenkung“. Die Behörde weist den Eindruck zurück, die Stadt versinke in einem Meer von Baustellen: „Es scheint eine rein subjektive Wahrnehmung zu sein.“

Die Senatsverwaltung für Verkehr spricht von durchschnittlich 330 Baustellen am Tag, im Jahr würden circa 3500 „Verkehrseinschränkungen im übergeordneten Straßennetz“ genehmigt. Diese Zahl verändere sich seit Jahren kaum. Hinzu kommen Unfälle und Havarien.

Besonders an den Einfallstraßen wird es derzeit eng: Auf der „Südostroute“ über Adlergestell und Treptower Park ist die Elsenbrücke das Nadelöhr. Wegen der Brückensanierung stehen pro Richtung nur zwei Fahrstreifen zur Verfügung. Im Osten, auf der B 5 in Höhe Alt-Biesdorf, ist eine Wasserleitung geplatzt, hier staut es sich stadtauswärts. Auf der anderen Seite der Stadt, am Abzweig Heerstraße/Nennhauser Damm, buddeln ebenfalls die Wasserbetriebe. Zur Einfahrt in die Stadt ist nur ein Fahrstreifen freigegeben. Der morgendliche Stau ist unvermeidbar.

Im Norden ist die Pasewalker Straße wegen Bauarbeiten zur Einbahnstraße erklärt worden. Stadteinwärts ist eine Umleitung ausgeschildert. Weiter südlich ist die Schönhauser Allee wegen der Viaduktsanierung der U-Bahn immer noch staugefährdet. Mitte Oktober soll hier alles fertig sein.

Im Süden sorgt der Tempelhofer Damm für nervöses Fingerzappeln am Lenkrad. Zwar ist die Baustelle am Platz der Luftbrücke beseitigt, aber weiter südlich werden Fahrbahnen und Gullis erneuert. Wie lange das noch dauert, wagt niemand vorauszusagen.

Die Baustelle am Kaiserdamm – hier dichtet die BVG marode Tunneldecken ab – soll mit Beginn des Oktober aufgehoben werden. An Tauentzienstraße und Wittenbergplatz werden die Dichtungsarbeiten an der U 2 wahrscheinlich noch bis zum Jahresende dauern. Pro Richtung gibt es nur einen Fahrstreifen.

Am Alexanderplatz wird weiter gebaut. Die Tiefgarage an der Alexanderstraße ist noch nicht fertig. Am Prenzlauer Tor – also im Bereich Torstraße, Mollstraße und Prenzlauer Allee – ist Vattenfall dabei, neue Leitungen zu verlegen. Die Verkehrsbehörde des Senats spricht von einer „erhöhten Staugefahr“. Dieses Nadelöhr wird sich noch bis Ende November hinziehen.

15 Millionen Euro haben die Bezirke aus dem Konjunkturpaket II bekommen, um den Straßenlärm zu mindern. „Wir planen sechs Maßnahmen für dieses und nächstes Jahr“, sagt Heinz Biedermann vom Straßen- und Grünflächenamt Mitte. Verglichen mit dem gesamten Baugeschehen sind das eher Peanuts.

An neuralgischen Punkten wie der Leipziger Straße kann allerdings schon das Aufbringen einer neuen Asphaltdecke einen Dauerstau auslösen. „Das soll bald losgehen. Vier Wochen lang wird es dort zu Beeinträchtigungen kommen“, sagt Biedermann. Anschließend wird die Kreuzung zur Friedrichstraße erneuert. „In Mitte sind immer die meisten Baustellen. Wenn erst die U-Bahn anfängt zu bauen, wird es richtig haarig.“

Viele Leser haben auf unseren Aufruf reagiert und in der Online-Ausgabe des Tagesspiegels von ihren „nervigsten Baustellen“ berichtet. Zweimal fiel der Name „Dircksenstraße“ zwischen Hackescher Markt und Alexanderplatz in Mitte. Erst im August sei die Straße fertig geworden und nun werde sie wieder aufgerissen, klagt ein Leser. „Das stimmt so nicht“, erwidert Heinz Biedermann. Die Wasserbetriebe hätten ein Jahr lang dort gebaut und die Straße „provisorisch geschlossen“. Jetzt werde die Straßendecke nach allen Regeln der Kunst erneuert.

Der ADAC fordert vom Senat, die Baustellen besser zu koordinieren und schneller zu beenden, durch Drei-Schichten-System, Wochenendarbeit und Verlegung in die Ferien. „Die Stadt ist ja auch in den Ferien voll“, entgegnet Klaus Wazlak von der BVG. Eine große Baumaßnahme wie an der Schönhauser Allee sei in sechs Wochen ohnehin nicht zu stemmen. Größere Sperrungen würden zudem in die Nacht verlegt. „Insgesamt haben wir nicht wesentlich mehr Bautätigkeit als in den Vorjahren.“

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