Verkehr : Finstere Gesellen

Im Herbst ärgern sich Berlins Autofahrer häufig über die unbeleuchteten Radler, deren Leben sich manchmal nur mit einer Vollbremsung retten lässt. Zum allgemeinen Erstaunen tauchen die Dunkelmänner in der Verkehrsunfallstatistik der Polizei aber kaum auf.

Stefan Jacobs
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Licht an. Radler werden im Dunkeln leicht übersehen. Foto: dpaDVR

Zu den dunklen Seiten des Herbstes gehört für Berlins Autofahrer der Ärger über die unbeleuchteten Radler, deren Leben sich manchmal nur mit einer Vollbremsung retten lässt. Zum allgemeinen Erstaunen tauchen die Dunkelmänner in der Verkehrsunfallstatistik der Polizei allerdings kaum auf – wahrscheinlich, „weil Beinahe-Unfälle nicht erfasst werden“, wie David Greve anmerkt. Er ist Landesgeschäftsführer des Radfahrerclubs ADFC, der mit einem Herbst- Check an drei Orten in der Stadt die Radler erleuchtet: Kleine Defekte werden sofort und gratis repariert, bei größeren gibt’s zumindest Tipps. Den Großteil des Budgets der Aktion steuert die Verkehrslenkung des Senats bei. An den ersten beiden der drei Aktionstage wurden nach Auskunft von ADFC-Landeschefin Sarah Stark mehr als 160 Radler versorgt; nach dem verregneten Auftakt am Donnerstag habe es am Freitag sogar Schlangen gegeben. Der ADFC will sich mit den finsteren Gestalten schon deshalb nicht länger tatenlos abfinden, weil sie nach Überzeugung von Stark auch die Mehrheit der vernünftigen Radler diskreditieren.

Im vergangenen Jahr waren Radler an knapp 7700 der insgesamt 124 000 Verkehrsunfälle in Berlin beteiligt. Das entspricht sechs Prozent – während ihr Anteil am Straßenverkehr mit zurzeit etwa 13 Prozent mehr als doppelt so groß ist. Die mit 1464 Fällen häufigste Einzelursache für Radler-Unfälle lag bei unaufmerksam abbiegenden Autofahrern. Etwa an jedem zweiten Unfall trug der Radler mindestens eine Mitschuld. Häufigste Fehler sind Geisterfahrten auf der falschen Seite oder auf Gehwegen, gefolgt von zu wenig Abstand, etwa beim Durchdrängeln im Stau, und Fehlern beim Einfädeln. Fehlendes Licht liegt mit 81 Fällen weit hinten. Dennoch will sich die Polizei dem Thema bei einer stadtweiten Aktion Anfang November widmen.

Ralf Wittkowski, Syndikus des Automobilclubs ADAC, bestätigt: „Wegen fehlender Beleuchtung passiert ganz selten was.“ Aber wenn, sei fast immer auch der Autofahrer dran. Juristisch gehe von jedem Auto eine „allgemeine Betriebsgefahr“ aus. Die spiele nur dann keine Rolle, wenn den Unfallgegner eine besonders große Schuld treffe, also beispielsweise ein Radler bei Rot gefahren sei. Komme der Dunkelmann an gleichrangigen Straßen von rechts, treffe beide Beteiligte eine Mitschuld. Schlechte Karten haben Autofahrer, wenn sie einen parallel fahrenden Radler rammen, weil auch im Dunkeln „auf Sicht gefahren“ werden müsse.

Aus Sicht von ADFC-Chef Greve gibt es für Radler keine akzeptable Ausrede mehr: „Viele hatten resigniert, weil ihr alter Seitendynamo nie richtig funktionierte. Aber das ist vorbei, seit selbst einfache Baumarktfahrräder einen zuverlässigen Nabendynamo haben.“ Eine passable Alternative seien auch die Batterielampen, die laut Straßenverkehrsordnung zwar nur für Rennräder bis elf Kilo Gewicht zugelassen sind, aber von der Polizei toleriert werden – falls sie nicht vergessen zu Hause liegen. Stefan Jacobs

Herbst-Check des ADFC noch am Sonnabend von 10 bis 16 Uhr: Schönhauser/Ecke Kastanienallee, Belziger/Martin-Luther-Str. und Warschauer/Mühlenstraße.

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