Verkehr : Hitze legt S-Bahnen lahm

Die hohen Temperaturen führen zu Problemen bei der S-Bahn. Auf zwei Linien haben die Züge zur Zeit nur drei Viertel ihrer normalen Länge. Kritik kommt von Senatsverwaltung und VBB.

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Den Berliner S-Bahnen bekommt offenbar die Hitze nicht.
Den Berliner S-Bahnen bekommt offenbar die Hitze nicht.Foto: dpa

Erst der Winter – jetzt der Sommer. Bei der S-Bahn fallen nach Tagesspiegel-Informationen wieder Fahrzeuge aus, weil die Technik wegen der Hitze schlapp macht. Im Winter 2009 hatte bereits der Frost einen großen Teil der Flotte lahm gelegt. Zudem macht sich verstärkt bemerkbar, dass das Unternehmen in der Vergangenheit Stellen für Triebfahrzeugführer gestrichen hat. Jetzt gibt es kaum noch Reserven, um kurzfristige Ausfälle von Personal aufzufangen. Auch deshalb fallen dem Vernehmen nach Züge aus oder verspäten sich gewaltig. Dem widerspricht die Bahn. Ausfälle gebe es nicht, lediglich auf den Linien S 3 und S 5 könnten erneut nur wieder Züge mit lediglich sechs statt acht Wagen fahren.

Nach Angaben des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) konnte die S-Bahn von den versprochenen 416 Doppelwagen am Freitag nur 393 einsetzen. Dabei hat die Bahn angekündigt, das Angebot schrittweise so zu verbessern, dass am Jahresende wieder auf allen Linien nach dem regulären Plan gefahren werden kann. Dafür sind 501 Doppelwagen erforderlich. Um auch mit der erforderlichen Wagenzahl fahren zu können, braucht die S-Bahn sogar 562 Doppelwagen, die erst Ende 2011 vorhanden sein sollen.

Die Hitze macht vor allem der empfindlichen Elektronik zu schaffen, die im Führerstand untergebracht ist. Die Klimaanlage dort ist vorwiegend wegen der Technik installiert worden, und nicht, um den Komfort der Triebwagenführer zu verbessern. Im Führerstand wird es jetzt aber heißer als vorgesehen, weil die Fahrer auf den meisten Bahnhöfen die Türen öffnen müssen, um den Zug abfertigen zu können. Dadurch kommt jedes Mal ein Schwall heißer Luft in den Führerstand, und die Klimaanlage packt es nicht, die Temperatur schnell sinken zu lassen.

Das Öffnen der Türen für die Abfertigung war bei der Konstruktion der Fahrzeuge nicht vorgesehen gewesen. Die Züge wurden damals von den Abfertigern auf den Bahnhöfen auf die Fahrt geschickt. Die inzwischen abgelöste Geschäftsführung wollte aber ein neues System einführen, bei dem die Fahrer das Abfertigen per im Führerstand installierten Monitoren selbst übernehmen sollten. Obwohl das neue System bis heute nicht zugelassen ist, zog die damalige Geschäftsführung auf den meisten Bahnhöfen die Abfertiger ab und übertrug deren Aufgabe den Triebfahrzeugführern, die nun aussteigen müssen, um den Zug vor der Abfahrt kontrollieren zu können und jetzt beim Einstieg die Hitze mit in den Führerstand nehmen. Die Bahn verweist dagegen auf „konstruktionsbedingte Störungen“.

Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) hat S-Bahnchef Peter Buchner aufgefordert, auf den Missstand sofort zu reagieren und die vereinbarte Leistung anzubieten. VBB-Chef Hans-Werner Franz erklärte, die Hitzeprobleme seien seit langem bekannt und hätten rechtzeitig beseitigt werden können.

Doch selbst wenn die S-Bahn derzeit alle Fahrzeuge auf die Gleise schicken könnte, wäre sie nach Angaben von Insidern nicht in der Lage, sofort einen Vollbetrieb anbieten zu können. Durch den Sparkurs der vergangenen Jahre fehlen ihr jetzt Fahrer, obwohl derzeit neues Personal, zu dem auch ehemalige Aufsichten gehören, ausgebildet wird.

Verschärft wird das Problem zudem durch neue Bestimmungen bei der Arbeitszeit im Tarifvertrag, die zusätzliches Personal erfordern. Vor allem an Wochenenden werde es hier knapp, bestätigen Insider. Weil die Dienstpläne sehr eng gestrickt sind, klappt vor allem bei verspäteten Zügen die Ablösung der Fahrer häufig nicht. Wenn diese die zulässige Arbeitszeit erreicht haben, müssen die Züge vorzeitig aus dem Verkehr genommen werden, bis die Ablösung zum neuen Einsatzort gefahren ist.

Für nicht erbrachte Leistungen kann der Senat der S-Bahn, wie berichtet, nach langwierigen Verhandlungen jetzt mehr Geld vom vereinbarten Zuschuss abziehen als bisher. Der neue Vertrag ist allerdings noch nicht unterschrieben.

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