Verkehr : S-Bahn-Chaos geht weiter

Das Unternehmen der Berliner S-Bahn hielt Sicherheitszusagen nicht ein. Eine Aufsichtsbehörde ordnete daraufhin die sofortige Stilllegung von Bahnen an. Das Verkehrs-Chaos am Dienstag war perfekt und setzt sich heute fort. Die Senatorin für Stadtentwicklung ist "entsetzt".

Klaus Kurpjuweit,Lars von Törne
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Seltener Anblick: Am Dienstag fuhren die meisten S-Bahnlinien nur im 20-Minuten-Takt. Auch am Mittwoch müssen Fahrgäste wieder mit...Archivfoto: ddp

So zornig erlebt man die ansonsten eher beherrschte Verkehrssenatorin selten. „Ich bin entsetzt“, sagte Ingeborg Junge-Reyer (SPD) am Dienstag nach den jüngsten S-Bahn-Ausfällen, die am Dienstag zu erheblichen Verspätungen für zahllose Berliner führten. Linien fielen zum Teil auch ganz aus. Sie habe „kein Verständnis“ mehr für das „unglaubliche“ Agieren des Managements bei der S-Bahn und ihrem Mutterkonzern, der Bahn, schimpfte die Senatorin.

Weil die S-Bahn bruchgefährdete Räder nicht so häufig prüfen ließ, wie es das Unternehmen der Aufsichtsbehörde zugesichert hatte, zog das Eisenbahn-Bundesamt gestern bis zu 190 Zwei-Wagen-Einheiten aus dem Verkehr. Dies brachte den Fahrplan völlig durcheinander.

„Ich habe erhebliche Zweifel an der Zuverlässigkeit der S-Bahn, an der wirksamen Aufsicht und Kontrolle durch die Bahn sowie an der Funktionsfähigkeit der Geschäftsführung der S-Bahn“, sagte Junge-Reyer. „Die Deutsche Bahn ist ein großer Konzern – da muss man doch in der Lage sein, genug Wagen vorzuhalten, die Räder zu kontrollieren und die Sicherheit zu garantieren.“

Über die Konsequenzen will Junge-Reyer sich jetzt mit den Experten in ihrer Verwaltung beraten. Dabei werde auch darüber nachgedacht, ob es möglich wäre, statt der Bahn einen anderen Betreiber mit dem S-Bahn-Verkehr in Berlin zu beauftragen. Das sei jedoch schwierig: Es gebe kaum andere Unternehmen, die den umfangreichen Auftrag der S-Bahn sogleich übernehmen könnten – falls eine vorzeitige Kündigung des Vertrages rechtlich überhaupt möglich sei, was Juristen derzeit prüften. Ein Betreiberwechsel erfordert einen mehrjährigen Vorlauf bis zu einer Ausschreibung.

Der Chef des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB), Hans-Werner Franz, forderte den neuen Bahnchef Rüdiger Grube auf, hier endlich einzugreifen. Die S-Bahn Berlin ist ein Tochterunternehmen der Bahn AG. Unter ihrem langjährigen Chef Hartmut Mehdorn war die S-Bahn verpflichtet worden, jährlich Millionenbeträge an den Konzern abzuführen. Im vergangenen Jahr waren es rund 56 Millionen Euro. Möglich war dies nur durch einen rigiden Sparkurs.

Das Unternehmen schloss Werkstätten und trennte sich von Mitarbeitern, auch von vielen Fachleuten. Zudem ließ es fahrfähige Bahnen verschrotten, um Kosten für deren Wartung zu senken. Jetzt fehlen die Kapazitäten in den Werkstätten, um die Züge wie zugesagt kontrollieren zu können. Auch die Grünen-Abgeordnete Claudia Hämmerling bezeichnete die Sparpolitik als „Sicherheitsrisiko“. Uwe Goetze von der CDU unterstützt Junge-Reyer und verlangt, die vorzeitige Auflösung des Vertrags mit der S-Bahn „ernsthaft“ zu prüfen.

Auch heute gibt es weiter Einschränkung im Betrieb.  Auf den Linien S 1, S 2, S 3, S 5, S 25 und S 75 gilt weiter ein Zwanzig-Minuten-Takt, die S 45 von Hermannstraße zum Flughafen fällt ebenfalls weiter aus. Auch die üblichen Verstärkerfahrten in den Hauptverkehrszeiten werden wahrscheinlich nicht auf die Strecke geschickt. Im Lauf des Tages war es der S-Bahn gestern gelungen, nach Potsdam und Erkner wieder alle zehn Minuten zu fahren. Auch die zunächst eingestellte S 85 nahm den Betrieb wieder auf. Der Verkehr auf dem Ring und den übrigen Linien läuft nach Angaben der S-Bahn planmäßig. Wann der Betrieb wieder normal läuft, konnte S-Bahn-Chef Tobias Heinemann gestern nicht sagen. Die BVG freute sich über mehr Fahrgäste in ihren Bahnen und Zügen.

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