Wartungsprobleme : S-Bahn-Chaos dauert mindestens bis September an

Kaum zu glauben: Weil stark genutzte Räder künftig doppelt so oft kontrolliert werden, müssen die S-Bahner noch mehr Zeit für Wartungsarbeiten einkalkulieren. Doch es fehlt an Fachleuten und Material.

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Ersatzradsätzer in der S-Bahn-Werkstatt am Wannsee -Foto: dpa

Berlin Der Betrieb der Berliner S-Bahn wird nach Recherchen der Nachrichtenagentur ddp frühestens im September wieder in vollem Umfang laufen. Instandhaltungsexperten des Unternehmens sagten, dass unter anderem die bisher vorgeschriebenen Wartungsintervalle für stark genutzte Räder laut Planung demnächst noch einmal halbiert würden. "Das kostet zusätzlich Zeit. Auch darum gehen unsere internen Planungen davon aus, dass vor September kein voller Regelbetrieb möglich sein wird", sagte einer der Fachleute, die namentlich nicht genannt werden wollten. Ein Bahnsprecher betonte auf Anfrage, es sei bisher nicht absehbar, wann der Regelbetrieb wieder wie gewohnt laufen werde.

Die S-Bahn-Insider betonten, die Probleme bei der S-Bahn hingen "entscheidend damit zusammen, dass wir wegen der angestrebten Bahnprivatisierung jährlich hohe Millionensummen an die Deutsche Bahn abführen müssen". In welchem Tempo diese Summen steigen sollen, zeigen Mittelfristplanungen der Deutschen Bahn AG. Daraus ergibt sich, dass die S-Bahn in diesem Jahr einen um 50 Prozent höheren Gewinn als im Jahr 2008 an die Deutsche Bahn abführen sollte.

Verfünffachung der Zahlungen an die Deutsche Bahn

Nach den Mittelfristplanungen aus dem Jahr 2004 (damals wurden der Börsengang der DB AG planerisch angelegt und die Renditeziele formuliert) sollte die S-Bahn im Jahr 2007 34,9 und im Jahr 2008 etwa 57,5 Millionen Euro abliefern. Beide Werte wurden nahezu exakt erreicht. Für 2009 sind 87,7 Millionen Euro angesetzt. Damit hätte sich der abzuführende Betrag seit dem Jahr 2005 (Planung: 17,7 Millionen Euro) verfünffacht.

Die S-Bahner betonten, dass das auch aus Kostengründen im Jahr 2006 aufgelegte Programm "Optimierung S-Bahnen" zu längeren Wartungsintervallen und einem Abbau von Arbeitsplätzen und Material geführt habe. "In dieser Situation sind die vom Eisenbahnbundesamt angeordneten, zusätzlichen Prüfungen nur schwer zu leisten. Plötzlich fehlen Fachleute und Material", folgerten die Experten.

Ab August sollen Räder doppelt so oft untersucht werden

Derzeit müssten Räder der Antriebsachsen, die mehr als 650 000 Kilometer gefahren sind, alle sieben Tage zur sogenannten Klangprobe in die Werkstatt. Dort würde das Rädermaterial auf seinen technischen Zustand hin abgeklopft: "So ähnlich, wie man es bei einem Glas am Klang hört, wenn es einen Riss hat, funktioniert das auch bei den Rädern", erklärte ein Fachmann. Zusätzlich müssten diese stark genutzten Räder bisher alle 60.000 Kilometer in die sogenannte Wirbelstromprüfung, bei der das Material mit einer speziellen Magnetfeldtechnik untersucht wird. Derzeit habe die S-Bahn aber nur elf dieser Prüfgeräte zur Verfügung, nötig wären 20.

Bereits dadurch, so betonte ein Insider, "hatten wir in den vergangenen Tagen teilweise nur 50 Prozent der Züge im Einsatz". Inzwischen sei der Prozentsatz gestiegen. Die Engpässe aber würden noch lange anhalten, weil die Überprüfungsintervalle weiter verkürzt würden. "In Absprache mit dem Eisenbahnbundesamt sollen die viel genutzten Räder von August an sogar alle 30.000 Kilometer, also doppelt so oft wie derzeit, untersucht werden müssen. Ein Sprecher des Eisenbahnbundesamtes widersprach dieser Darstellung nicht. Er betonte aber, derzeit liefen ständig weitere Untersuchungen, deren Ergebnisse die Lage immer wieder neu beeinflussen könnten.

Als "Fehlplanung" bezeichneten die S-Bahner, dass im Unternehmen zu wenig Reservezüge vorgehalten würden. Tobias Heinemann, bis vor wenigen Tagen Geschäftsführer der S-Bahn Berlin GmbH, hatte noch in diesem Frühjahr im Fernsehen gesagt, elf Prozent Reserve seien völlig ausreichend. Die Mitarbeiter widersprechen. Sie sagen: "Bei DB Regio ist die Reserve ähnlich hoch. Dort aber können im Notfall Züge aus anderen Regionen herangeschafft und eingesetzt werden. Bei uns geht das nicht. Wir fahren mit Gleichstrom. Außer uns machen das nur noch die Hamburger. Aber deren System ist nicht mit unserem kompatibel." Darum bräuchte die S-Bahn mehr Reservezüge. Ein S-Bahnsprecher sagte, die Berliner S-Bahn habe auch wegen ihrer speziellen Technik eine höhere Reserve als vergleichbare Unternehmen anderswo. (ho/ddp)

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