Willy-Brandt-Airport : Schönefelds Bürgermeister hat Flugzeuge im Bauch

Ein Jahr vor Eröffnung des Flughafens Willy Brandt liegen die Sympathiewerte des Großprojekts am Boden. Doch Schönefelds Bürgermeister Udo Haase ist nicht nur von den wirtschaftlichen Impulsen überzeugt.

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Im Anflug. Seit Monaten wird über die Routen vom und zum Großflughafen Schönefeld diskutiert. Viele fürchten den Lärm der Maschinen.
Im Anflug. Seit Monaten wird über die Routen vom und zum Großflughafen Schönefeld diskutiert. Viele fürchten den Lärm der...Foto: dpa

Demnächst erscheint eine Freizeitkarte für Ausflügler. Die „Flughafengemeinde Schönefeld“ wirbt darin mit ihren restaurierten Dorfkirchen, dem neuen Schwimmbad, sanierten Gutsparks und – als Highlight – mit dem neuen Großflughafen. Bürgermeister Udo Haase kam eines Nachts ins Grübeln – wegen Fluglärms kann er manchmal nicht durchschlafen – er grübelte also, wie man den Flughafen für Touristen attraktiv machen könnte. Da wurde die Idee mit dem Radwanderweg geboren, einmal rund um den Flughafenzaun, mit einem Aussichtspunkt für Planespotter, den Luftfahrtfreaks, die sich nach jeder Maschine am Himmel den Hals verrenken.

Ein Jahr vor der Eröffnung des Flughafens Willy Brandt, kurz BER, liegen die Sympathiewerte des Großprojekts am Boden. Der Flugroutenprotest verlagert sich von West nach Ost und wird nicht leiser. Kaum ein Politiker vergisst bei seinem Plädoyer für Schönefeld darauf hinzuweisen, dass Sperenberg eigentlich ja die bessere Alternative gewesen wäre. Quer durch die Parteien wird gestritten, ob man nur knickende Flugrouten ablehnen sollte oder gleich den ganzen Flughafen. Mit Schönefeld assoziieren viele nur noch Lärm, Wut und Betrug.

Nur einer ist mit sich im Reinen. Udo Haase, 59, parteilos, ein Mann mit sanften Zügen und dichtem Kräuselhaar, einer, der still in sich hineinlächeln kann, während andere sich echauffieren. Haase war schon immer für Schönefeld. Ihn fasziniert die rasante wirtschaftliche Entwicklung, einmalig in der ganzen Republik. Rund 100 Hektar sind in der Gemeinde schon mit neuen Unternehmen und Wohnquartieren bebaut. 500 Hektar stehen noch bereit. Der Flughafen werde der ganzen Region inklusive Berlin wirtschaftlich auf die Beine helfen, wenn er denn wirklich kommt.

„Gewaltig, gigantisch.“ Haase sagt das ohne jedes Pathos. Er hat eine Luftaufnahme von der neuen Autobahnanbindung hervorgeholt. Asphaltbänder, die sich zu einem Gewebe verschränken. Man muss das nicht schön finden, aber mit den Äckern, die es vorher hier gab, ließen sich keine 40 000 Arbeitsplätze schaffen. Haases Neffe aus der Uckermark arbeitet bei Airbus in Toulouse. Später soll er in Schönefeld einen ähnlich guten Job finden, das ist Haases Vision.

Bei den Protesten hielten sich die Schönefelder weitgehend heraus, sagt Haase. Sie bekommen vom künftigen Lärm ohnehin am meisten ab, egal, wohin die Maschinen nach dem Start lenken. Haase wohnt seit 1991 im Ortsteil Waßmannsdorf am westlichen Flughafenrand. Dort kann er die Maschinen beim Abheben beobachten. Und hören. „Das ist schon eine Belastung“, aber eine, die er bewusst in Kauf nimmt. Haase wurde damals Bürgermeister von Waßmannsdorf, deshalb war der Hausbau im Ort „allein schon wegen der Glaubwürdigkeit“ ein Muss.

Bei den Demonstrationen am Flughafen habe er Leute aus dem Norden Berlins, aus Potsdam oder aus Freienhufen bei Großräschen getroffen. „Da fragt man sich schon ...“ Haase bricht den Satz ab, um nichts Unhöfliches zu sagen. Bei Flughöhen um 2500 Meter hält er den Protest nicht mehr für gerechtfertigt. Er versteht aber den Frust der Leute, die „jahrelang falsch informiert wurden“ und ihr Grundstück nun unterhalb einer Flugroute wiederfinden. Solche Leute wohnen etwa im Schönefelder Ortsteil Kiekebusch. Um die Zeuthener nicht mit Lärm zu belasten, sollen die Maschinen von der Südbahn nun in einer scharfen Kurve über Kiekebusch aufsteigen. Dort leben zwar viel weniger Menschen als in Zeuthen, dafür fliegen die Flugzeuge viel niedriger. Haase fordert deswegen, zu den geraden Flugrouten zurückzukehren.

Foto: Paul Zinken
Foto: Paul Zinken

Der Bürgermeister ist selbst flugzeugvernarrt. Über seinem Schreibtisch schwebt der Dreidecker des Barons von Richthofen. Im Rathausflur lässt sich die gesamte Luftfahrtgeschichte von den Brüdern Wright bis zum Airbus A 380 nachvollziehen. Haase hat in seiner Jugend Segelflugzeuge gesteuert. Als er nach Waßmannsdorf zog, waren die Flugzeuge viel lauter, sagt er. „Einen Dreamliner von Boeing hören sie fast gar nicht mehr.“ Haase lässt seine rechte Hand über der Tischkante einschweben, klopft mit dem Ballen kurz auf und steigt wieder hoch. „Touch down“, sagt er genießerisch. So war das, als der Dreamliner Schönefeld besuchte.

Die Gewerbesteuer sprudelt in Schönefeld wegen der Ansiedlung von Einzelhandel, Industrie und Hotels prächtig. 42 Millionen Euro sind es gegenwärtig im Jahr. Dass die Gemeinde demnächst ihre Zebrastreifen vergoldet, steht allerdings nicht zu befürchten. Von den 42 Millionen müsse er 28 an den Kreis abgeben, klagt Haase. Die Landesregierung wolle zudem eine Sonderumlage von zwölf Millionen Euro kassieren. Das versucht der Bürgermeister gerade abzuwenden.

Wenn das eigene Geld nicht reicht, lassen sich in Schönefeld auch Sponsoren finden. Für die großen Granitsäulen mit Hinweisschildern für Radfahrer zahlte die Gemeinde keinen Cent. Am liebsten wirbt Haase um Spenden für den Wiederaufbau des vor einem Jahr abgestürzten Rosinenbombers. Der Oldtimer sollte zur Eröffnung des neuen Flughafens unbedingt wieder fliegen.

MÜGGELSEE

Am Montagabend findet auf dem Marktplatz in Friedrichshagen die fünfte Demonstration gegen das von der Deutschen Flugsicherung (DFS) geplante Überfliegen des Müggelsees statt.

REDNER

Als Redner ist unter anderem der einzige noch aktive Fischer auf dem Müggelsee vorgesehen. Er fürchte um den Jungfischbestand und damit um seine Existenz, sollte der See tatsächlich überflogen werden, teilten die Veranstalter mit. Am vergangenen Montag war der Regisseur Leander Haußmann, der in Friedrichshagen lebt, einer der Redner.

PROGRAMM

Auch ein kleines Kulturprogramm wird während der Demo geboten. Auftreten soll dabei an diesem Montag auch Liese Reznicek, die ehemalige Frontsängerin der DDR- Frauenband Mona Lise. Beginn der Demonstration ist wieder um 19 Uhr. Für die nächsten Wochen sind zudem weitere Aktionen geplant. Im Laufe des Augusts soll unter anderem eine Menschenkette um den Müggelsee veranstaltet werden. kt

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