Winterchaos : S-Bahn macht Fahrgästen keine Hoffnung

Vor dem Winter versprach der Konzern Besserung. Doch mit dem Schnee kehrt das Chaos zurück. Die Kunden verzweifeln.

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Am Freitag um 14.18 Uhr erklärte die S-Bahn per Rundmail ihre Kapitulation. „Aufgrund der angespannten Fahrzeugverfügbarkeit wird es auch in den nächsten Tagen bei den derzeitigen Fahrplaneinschränkungen bleiben“, lautet der wichtigste Satz. Damit ist für die Kunden auch die Hoffnung weg. Der Fahrplan war schon seit Donnerstag reine Theorie. Die Bahn rät, „sich vor Antritt der Fahrt rechtzeitig zu informieren“.

Die täglich bis zu 1,3 Millionen S-Bahn-Nutzer erleben ein Déjà-vu, das viele zur Weißglut bringt: Züge fahren nach Zufallsprinzip, enden vorzeitig und sind so voll, dass nicht jeder mitkommt. Selbst Minimallösungen wie die baubedingt pendelnde S 25 zwischen Hennigsdorf und Tegel und die zur Stummellinie zwischen Spindlersfeld und Schöneweide verkürzte S 47 bieten keine Verlässlichkeit. Von komplizierteren Fällen wie dem Ring nicht zu reden: Wo sonst alle fünf Minuten ein Zug kommt, fährt teilweise mehr als 20 Minuten nichts. Auf anderen Linien beginnt das große Gedränge, weil der lang ersehnte Zug jetzt nur noch vier Wagen hat statt bisher sechs (und vor dem Chaos acht).

Die wesentlichste Veränderung gegenüber dem vergangenen Winter ist der Erklärungsversuch der Bahn: Während es vor einem Jahr vor allem vom Schnee lahmgelegte Motoren waren, ist diesmal von „noch vereinzelten Störungen an den Infrastrukturanlagen“ die Rede. Jens Wieseke, Vizevorsitzender des Fahrgastverbandes Igeb, beschreibt dasselbe Problem so: „Zwei ausgefallene Weichen lasse ich mir gefallen, aber nicht 50.“ Offenbar habe die Bahntochter DB Netz völlig versagt. Dabei hatte die Bahn vor nicht einmal zwei Monaten offiziell über ihr „umfassendes Winterkonzept“ informiert: Bis 31. Oktober sollten Weichen, Signale und Sicherungstechnik komplett winterfest sein. Und im Ernstfall könne rund um die Uhr eine Bereitschaft losgeschickt werden.

Genau da sieht ein altgedienter S-Bahn-Fahrer die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Früher hätten die Aufsichten an den Bahnhöfen selbst mit dem Besen zur nächsten Weiche marschieren oder von ihrem Häuschen aus einen Pendelverkehr managen können. Jetzt sei das Personal weder dafür ausgebildet noch am Ort des Geschehens: „Es fehlen einfach die Leute.“ Wieseke fürchtet, dass auch die anstehende Entschuldigung – am Wochenende gelten Einzelfahrscheine wieder als Tagestickets – die Kunden eher vergrault als versöhnt.

Auf Bewährung fährt die S-Bahn ohnehin: Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) hatte ihr nach den Wartungsschlampereien die Betriebsgenehmigung nur für ein Jahr erteilt statt für die üblichen 15 Jahre. Am 22. September hat die Bahn die neue Genehmigung beantragt. „Darüber ist noch nicht entschieden worden“, sagt ein EBA-Sprecher. Die Behörde hat ein externes Gutachten angefordert.

Auch in der Landespolitik steht die S-Bahn unter Beobachtung. SPD-Verkehrsexperte Christian Gaebler spricht von einer „Zumutung“ für die Fahrgäste. Auch er sieht die Hauptverantwortung bei der DB Netz – und warnt: „So qualifiziert sich das Unternehmen nicht für weitere Aufträge im Berliner Nahverkehr.“ Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) teilte mit, sie habe den Vorstand der Bahn aufgefordert, die Probleme schnellstens zu lösen und sie zu informieren.

Sowohl der Verkehrsclub VCD als auch der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) sehen einen möglichen Ausweg in der Übernahme der Infrastruktur durchs Land. Bisher gehört sie dem Bund, und die Länder können nach Auskunft des VBB – anders als beim Fahrbetrieb – kein Geld für schlechte Leistungen einbehalten. VBB-Chef Hans-Werner Franz sieht darin eine Gesetzeslücke, die der Bund dringend schließen müsste. Den Kunden der S-Bahn bleibt vorerst nur, mehr Zeit einzuplanen oder auf die BVG umzusteigen. Die hat nach Auskunft von Sprecherin Petra Reetz auf der U 2 und U 5 schon zweimal ad hoc einen zusätzlichen Zug auf die Strecke geschickt, „aber ersetzen können wir die S-Bahn nicht“. Während U-Bahn und Tram nur wenige Probleme mit dem Winter hatten, lief der Busverkehr auch am Freitag noch nicht wieder rund. Hauptursache sei Glätte in den Außenbezirken gewesen.

Die BSR hat nach den Hauptstraßen die Nebenstraßen in Angriff genommen. Bis Samstagmittag soll dort der Schnee geschoben sein. Spannend wird es am Sonntag wieder: Der Wetterdienst Meteogroup hält bei maximal null Grad neben Schneefall auch Eisregen für möglich.

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