Berlin : Verkehrsgeschichte: Japanesen und Abstellschuppen

Frauke Herweg

"Der Bahnhof Ostkreuz ist Leben, ist Geheimnis, ist Anarchie", schreibt ein Journalist in einer Tageszeitung liebevoll. Doch im nächsten Satz beginnt er zu klagen: "Wer hier als Umsteiger neu anfängt, sieht sich einem Glas-Treppen-Bahnsteig-Labyrinth ausgeliefert, wie es kein Spielzeugeisenbahnkonstrukteur je ersonnen hat." Ostkreuz ist Berlins verkehrsreichster Umsteigebahnhof. Seiner Geschichte und der Entwicklung des Verkehrs widmet sich derzeit eine Ausstellung im Heimatmuseum: "Auf Wasser und Schienen - Friedrichshainer Verkehrswege".

Das Museum hat nicht nur die Entwicklung von Eisenbahn, U- und S-Bahn rekonstruiert, sondern gibt auch zahlreiche Einblicke in die Sozialhistorie. Dabei werden viele Alltagsgeschichten und -geschichtchen aus dem Bezirk erzählt. Der Besucher liest von Bausünden, störrischen Kommunalpolitkern und der Entdeckung der Friedrichshainer U-Bahnlampen durch das Bauhaus. Und er erfährt auch, wie der Verkehr die industrielle Entwicklung nach Friedrichshain bringt. Als dort 1841/42 der erste Berliner Bahnhof am Stralauer Platz emporwuchs, protestieren die Anwohner gegen den Einbruch der Moderne. Wenige Jahrzehnte später ist die Eisenbahn eine Selbstverständlichkeit. Friedrichshain entwickelt sich zum Tor in Richtung Osten. Bis nach Schlesien und Ostpreußen kann man fahren.

Mit der Eisenbahn kommt der Fortschritt. Die Züge bringen Kohlen und Kartoffeln in die Stadt. Und unzählige Wanderarbeiter, die in den Industriebetrieben der Stadt neue Anstellung suchen. Die Einwohnerzahl wächst, in vier Jahrzehnten, zwischen 1842 und 1880, verdreifacht sie sich. Die Verkehrsplaner müssen dem Mobilitätsbedürfnis der Berliner schließlich Rechnung tragen. Im Osten der Stadt präsentieren sie 1871 eines der ersten verkehrstechnischen Großprojekte, die Ringbahn. Der erste Abschnitt wird zwischen Moabit und Stralau-Rummelsburg eröffnet. Im Volksmund heißen die Ringbahn-Waggons wegen ihres gelblich-braunen Anstrichs "Japanesen". Werner von Siemens setzt die Berliner schließlich auf die U-Bahnschiene. 1896 beginnen die Bauarbeiten für eine Ost-West-Strecke zwischen den Bahnhöfen Warschauer Straße und Zoologischer Garten, fünf Jahre später rollen die ersten U-Bahnzüge.

Die Ausstellung macht auch mit architekturgeschichtlichen Besonderheiten bekannt. Sie beschreibt detailliert die Baustile der verschiedenen Bahnhöfe, unter anderem auch den alten Ostbahnhof am Küstriner Platz, der nach seiner Fertigstellung 1866 / 67 als prächtigster Bahnhof Berlins gilt - allerdings nur für 15 Jahre, dann wird aus dem Palast im Stil der italienischen Renaissance ein Abstellschuppen.

Die Schau endet schließlich in der Zukunft. In zehn Jahren sollen täglich 238 000 Fahrgäste den Bahnhof Ostkreuz passieren. Computerzeichnungen zeigen, wie Berlins verkehrsreichster Nahverkehrsknoten dann aussehen wird.

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