Berlin : Verkehrskontrollen: Pro & Contra

Pro:

Pro: Eine zunächst ganz normale Verkehrskontrolle gerät zum Inferno. Ein betrunkener Autofahrer erschießt am 8. Mai 1996 in Marzahn den 34-jährigen Hauptmeister Volker Reitz und verletzt zwei seiner Kollegen mit Schüssen schwer. Die Beamten hatten ihre Plicht getan: Der Wartburg war in Schlangenlinien gefahren. Nun bleibt die Frage, ob Volker Reitz noch leben würde, hätten er oder seine Kollegen ihrerseits die Dienstwaffen in Händen gehabt, unbeantwortet. Schlimmstenfalls wären zwei Tote zu beklagen gewesen, wenn die Kollegen von Reitz zurückgeschossen hätten. Andererseits besteht die - rein theoretische - Wahrscheinlichkeit, dass der Autofahrer den Griff zu seiner Waffe unterlassen hätte, wenn er mit drei Polizisten mit gezogenen Dienstwaffen konfrontiert gewesen wäre. Es ist und bleibt Spekulation. Allerdings darf natürlich das Gefühl subjektiver Sicherheit auch bei den Beamten nicht unterschätzt werden, wenn sie zumindest mit der Hand an der Waffe einen Autofahrer kontrollieren. Ähnlichkeiten mit den Hoch-Zeiten der Terroristenfahndung Mitte der 70er, als Autofahrer sogar Polizisten mit Maschinenpistolen gegenüberstanden, sind sicherlich nicht beabsichtigt. Damals brachten die Autofahrer sogar mehr Verständnis für das Vorgehen der Polizei auf als heute.

Vielleicht reicht es ja schon, wenn Autofahrer während einer Kontrolle demonstrativ Friedfertigkeit zur Schau stellen: Die Hände von außen sichtbar auf das Lenkrad legen, die Papiere vorsichtig aus der Manteltasche ziehen und freundlich auf die Bitten des Polizisten eingehen. So hat dieser keinen Grund, seine Waffe tatsächlich zu ziehen und, wer weiß, vielleicht wird dann ja sogar nach einiger Zeit der Erfahrung mit dem neuen verständnisvollen Autofahrer kein Polizist mehr die Hand in der Nähe seiner Dienstwaffe halten.

Werner Schmidt

Contra: Schon mal in den Lauf einer Waffe geblickt? Noch nie? Keine Sorge, das können wir alle bald nachholen. Täglich. Auf Berlins Straßen. 33 Stundenkilometer in der Spielstraße oder ein defekter Blinker genügen, dann bekommen die Autofahrer das Vergnügen gratis geboten. Und wehe, man kreuzt den Weg eines schlecht gelaunten Polizisten. Der darf nämlich zukünftig, während er am heruntergelassenen Seitenfenster vor- und zurückwippend demonstriert, wer gerade am längeren Hebel sitzt, auch noch zur Pistole greifen.

Die Autofahrer haben Karriere gemacht: vom Verkehrsteilnehmer zum potenziellen Gewaltverbrecher. Die Polizei jedenfalls verweist auf die Vereinigten Staaten und empfiehlt allen Autofahrern bei Verkehrskontrollen beide Hände oben auf das Lenkrad zu legen, "um Friedfertigkeit zu signalisieren" - während sich die Beamten mit gezogener Waffe nähern. Da wird gewissermaßen mit Kanonen auf Spatzen gezielt.

Sicher, nicht immer sitzen harmlose Zeitgenossen hinter dem Steuer. Im vergangenen Jahr starben in Deutschland acht Polizisten bei Verkehrskontrollen. Es ist gut und richtig, dass die Polizeiführung versucht, das Berufsrisiko für ihre Mannschaft so gering wie möglich zu halten.

Mit Schutzwesten, Helmen oder ähnlichem. Aber es ist gefährlich, die Beamten nach acht tragischen Einzelfällen bei Routineaufgaben die Pistolen ziehen zu lassen - und die ohnehin bereits aggressive Stimmung im Straßenverkehr damit weiter aufzuheizen.

Unter den getöteten Beamten war kein Berliner, dafür hatte im Juni 2000 ein unter Drogen stehender Mann einem Feuerwehrmann beim Einsatz in die Schulter geschossen. Sollen sich deshalb auch die Sanitäter bewaffnen dürfen? Die USA können hier nicht als Vorbild dienen.

Katja Füchsel

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