Berlin : Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg: Mit einer guten Idee die Partner verärgert

Klaus Kurpjuweit

Ob die familienfreundlichen Tarife für Fahrten mit Bahnen und Bussen, die Verkehrssenator Peter Strieder (SPD) im Alleingang mit der BVG ausgehandelt hat, wie geplant zum 1. August eingeführt werden, ist derzeit noch ungewiss. Strieder und die BVG haben nämlich mit ihrem Schritt die meisten Partnerbetriebe im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) gegen sich aufgebracht. Im ersten Anlauf war Strieders Vorstoß im VBB-Aufsichtsrat in der vergangenen Woche gescheitert.

Strieder will im Berliner Bereich den Preis der Schülerkarten von 60 Mark auf 45 Mark senken; ab zwei Geschwistern soll die Monatskarte sogar nur noch 30 Mark kosten. Neu im Angebot ist in diesem Konzept eine so genannte Berlin Card für 69 Mark im Jahr, die dann Fahrten zu den Ermäßigungstarifen erlaubt. Dafür werden die Preise für den Einzelfahrschein von 4 Mark auf 4,20 Mark erhöht, für die Monatskarte-Standard müssen statt 105 Mark danach 110 Mark gezahlt werden und der Preis der Tageskarten steigt im Stadtgebiet von 8,70 Mark auf 12 Mark, mit Einschluss des Umlandes von 9,90 Mark auf 13 Mark.

Die 35 im Verbund zusammengeschlossenen Unternehmen hatten sich zuvor im Umlandbereich auf geringere Preiserhöhungen geeinigt. "Dass unsere Fahrgäste jetzt die Berliner Sondervergünstigungen finanzieren sollen, sehen wir nicht ein", sagte ein Brandenburger Betriebsleiter. Die Unternehmen sind auch verärgert, weil Strieder und die BVG die zuvor vereinbarte Freizeitkarte ebenfalls im Alleingang gestrichen haben. Sie hätte 45 Mark im Monat gekostet und zu beliebig vielen Fahrten nach 18.30 Uhr und am Wochenende berechtigt. Zu den anderen Zeiten wären Fahrten zu den Ermäßigungstarifen möglich gewesen. Damit sollten in verkehrsschwachen Zeiten mehr Fahrgäste in die Bahnen und Busse gelockt werden.

Ärger gab es nach Strieders Vorstoß aber auch innerhalb Berlins, weil der Senator die S-Bahn und die Regionalbahn nicht in die Gesprächsrunde eingebunden hatte. Beide wollten in diesem Jahr am liebsten auf eine Preiserhöhung verzichten. Strieder holte sich die Zustimmung zu seinem Konzept direkt bei Bahnchef Hartmut Mehdorn. Auch Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner (CDU), der Aufsichtsratsvorsitzender bei der BVG ist, wurde an den Tarifgesprächen nicht beteiligt, die Strieder fast bis zuletzt geheim halten konnte.

Der Senat stimmte Strieders kurzfristig vorgelegtem Konzept am vergangenen Dienstag zu, obwohl sich auch der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen zuvor öffentlich gegen Tariferhöhungen in diesem Jahr ausgeprochen hatte. Begründet werden sie jetzt mit den günstigeren Angeboten bei den Schülerkarten.

Keine Rolle spielen derzeit bei den Tarifexperten dagegen die Senioren. Für sie gibt es keine Vergünstigungen; im Gegenteil, sie müssen die höheren Preise bezahlen. Besonders betroffen seien die Senioren vom Wegfall der Kleingruppenkarte, bemängelt Christfried Tschepe vom Fahrgastverband IGEB. Viele hätten die Karten für gemeinsame Fahrten genutzt. Fünf Personen konnten bisher damit für zusammen 21 Mark durch Berlin fahren; Strecken ins Umland waren für 25 Mark zu haben. Den Verzicht auf die Kleingruppenkarte hatten bereits die Verkehrsbetriebe vereinbart.

Die Abschaffung der Kleingruppenkarte, für die die BVG bis zuletzt noch auf Plakaten geworben hatte, sei "fahrgastfeindlich", sagte Tschepe. Die Tageskarte zum neuen Preis von 12 Mark oder 13 Mark sei kein Ersatz. "Touristenfeindlich" sei die Argumentation Strieders, die Tageskarte werde vor allem von Besuchern der Stadt gekauft, deshalb sei die Preiserhöhung nicht so schlimm. Spätestens am 14. Februar soll jetzt die Entscheidung zu den Tarifen fallen; sonst können die Automaten nicht mehr zum 1. August umgestellt werden. Der Termin ist ohnehin problematisch, denn die Automatenbranche ist derzeit voll mit der Vorbereitung auf die Euro-Einführung 2002 beschäftigt. Sie werde sich die Tarifumstellung mitten im Euro-Fieber gut bezahlen lassen, befürchten Experten in den Verkehrsbetrieben.

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