Berlin : Verkehrte Welt

Die Uhren gehen rückwärts, die Golfschläger haben die Schlagseite rechts, auf der Gitarre sitzen die Saiten spiegelverkehrt. Selbstversuch einer Rechtshänderin im Laden für Linkshänder, der heute in der Kaiser Wilhelm Passage in Schöneberg eröffnet wird

Anne Seith

Die Küche von Bruce Willis wäre für mich ein gefährliches Pflaster. Zumindest, wenn der auf seine dominante Gehirnhälfte Rücksicht nimmt und deshalb Küchenutensilien für Linkshänder kauft. Dann hätte ich schon beim Dosenöffnen Probleme, wie ich im „Linkshändler“ in der Kaiser Wilhelm Passage (Kaiser-Wilhelm-Platz 1) feststelle. Der Laden für Linkshänder wird heute eröffnet.

Verkrampft drehe ich den Plastikgriff des Dosenöffners mit der linken Hand zweimal um. Zweimal kippt die Dose nach links weg, weil ich die Kraft meiner Linken nicht einschätzen kann und viel zu fest drücke. Beim dritten Versuch rutscht der Öffner aus dem Deckel, die Dose kippt um, Erbsensuppe tropft auf meine Hose. Na gut, versuche ich’s mit einer Stulle, denke ich, und greife zu dem Brotmesser mit der Schneide auf der linken Seite. Mit der Erfahrung aus 26 Jahren Brote schneiden suche ich die optimale Stelle, um anzusetzen. Die ungelenken Bewegungen, mit denen ich dann mit dem Messer in der linken Hand in dem Brotlaib herumsäge, sind eher die einer Vierjährigen. Beim Apfelschälen mit dem Linkshänder-Schäler geht es mir nicht besser: Nachdem die Hälfte der Schale zerfetzt am Boden liegt, habe ich einen Krampf in der linken Hand. Aus dem zermanschten Apfel tropft der Saft.

Im Haushalt eines Linkshänders würde ich beständig mit Lebensmitteln kämpfen, das ist mir nun klar. Wie sähe es mit der Freizeitgestaltung aus? Die Gitarre mit den umgekehrt aufgespannten Seiten gibt schreckliche Töne von sich, als ich versuche, mit rechts die Akkorde zu greifen. Und mit dem Golfschläger, der die Schlagseite auf der rechten Seite hat, würde ich das Spiel wohl nie lernen. Schon gar nicht, wenn ich das Golf-Lehrbuch für Linkshänder benutzen würde, da müsste ich ja jedes Mal die Anweisung „rechts“ durch „links“ ersetzen und alle Übungen spiegelverkehrt machen.

Auch Freizeit gestaltet sich für mich als Rechtshänderin in der Welt des Linkshänders also schwierig. Mit seinen Büroutensilien komme ich aber zunächst gut zurecht, der Linkshänderkuli liegt angenehm in der Hand. Der Griff ist nur dicker als bei normalen Schreibgeräten und die Mine stabiler. Weil Linkshänder beim Schreiben immer gegen das Papier drücken. Als ich aber das Linkshänder-Maßband mit der rechten Hand aufziehe, stehen die Zahlen auf dem Kopf. Das ist übertrieben, denke ich, ein Maßband kann man doch auch mit der ungeübten Hand aufzuziehen. Und warum laufen die Zahlen von rechts nach links, genau wie auf dem Linkshänder-Lineal? „Linkshänder denken spiegelverkehrt“, sagt Reinald Petersen, Inhaber des Linskhändlers. „Und Studien haben gezeigt, dass sie sich besser konzentrieren, wenn sie mit speziellen Utensilien arbeiten.“ Deshalb bietet Petersen sogar Linkshänder-Armbanduhren an. Irritiert schaue ich auf das spiegelverkehrte Ziffernblatt. Ist es jetzt 20 vor fünf oder 20 nach sieben? Zu der Verabredung mit Bruce Willis wäre ich mit dieser Uhr garantiert zu spät gekommen.

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