Berlin : Verlassene Hauptstadt: Kleine Freuden der Geselligkeit

Elisabeth Binder

Ungefähr zwei Wochen gibt es in der Mitte des Sommers, in denen der Hype um die neue Berliner Gründerzeitgesellschaft ein wenig abflaut und man eine Ahnung davon bekommen kann, wie gesellschaftliches Leben anderswo funktioniert.

Hier ist es doch normalerweise so: Abend für Abend trifft sich die Hauptstadtgesellschaft in Gründung an wechselnden Orten. Je nach Gastgeber kommen ausgewählte Flugzeugladungen aus Hamburg, Frankfurt oder München dazu. So wie Studenten oder Angehörige bürgerlicher Berufe ihre Stammkneipe haben, geben im Berlin dieser Zeit die Gästelisten den festen Rahmen her für einen mittlerweile leicht gefestigten Kern der hauptstädtischen Society und einem immer noch breiten Weichbild. Professionelle Location Scouts (Ortefinder) sorgen für ausreichend ungewöhnliches Drumherum, um einander näher kennen zu lernen oder Smalltalk auf höchstem Niveau zu trainieren. In den härtesten Monaten (September bis November, Februar, März, Mai, Juni) ist ein gehobenes Mobilitätstraining inbegriffen, die Terminüberschneidungen machen aus der Stammkneipe eine Art Stammkneipentour. Man trifft sich unter Umständen am gleichen Abend mehrmals an verschiedenen Orten. Im Moment ist das alles nicht so oder jedenfalls nicht so sehr so, man kann sich also besten Gewissens den Klassikern geselligen Lebens hingeben, den privaten Keimzellen der von professionellen Party-Veranstaltern immer glänzender polierten Mega-Events. Dabei stellt sich ein Zustand glückseliger Muße ein, die manchem glamourösen Networker wie höchster Luxus erscheinen muss. Wer nicht der Society-Karawane nach Sylt oder Mallorca gefolgt ist, darf Geselligkeit im kleinsten Kreis erleben, darf zwischenmenschliche Beziehungen wie unter einer Zeitlupe betrachtet pflegen. Wie schön kann es sein, sich mit Freunden zum Tee auf einer dieser Vogelnest gleichen Terrassen zu treffen, dort selbstausgesuchten Kuchen zu naschen und den Flugzeugen oder den Wolken nachzusehen.

Oder man trifft sich zu einer völlig improvisierten Party, bei der die Gäste helfen, Brote zu backen und regennasse Stühle wieder trocken zu wischen, bekommt dafür einen unentgeltlichen Botanik-Kurs der heftig gärtnernden Gastgeberin. Vielleicht begegnet man in einem lange vernachlässigten Lokal lange vernachlässigten Freunden wieder, um neue Erkenntnisse auszutauschen. Je makelloser und perfekter das äußere gesellschaftliche Leben organisiert ist, desto mehr Wärme strahlt die kleine, private Form aus. Während sich hinter den Kulissen die Event-Manager schon rüsten für die noch glanzvolleren Inszenierungen, noch ungewöhnlicheren Orte und noch ausgefalleneren Delicen, mit denen die Spitzenevents des Spätsommers um die ersten Plätze auf der Glamour-Hitparade ringen werden, kann man sich in der verlassenen Stadt ungehemmt einer Kunst hingeben, die auch auf den ausgefeiltesten Feten nur in begründeten Ausnahmefällen vorkommt: dem ernsthaften Gespräch mit wenigen, aber lieben Menschen.

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