Berlin : Verliebt in den Ku’damm

Helga Frisch hat 31 Berliner über ihr Leben am Kurfürstendamm interviewt Im Buch erinnert sich auch ein Hotelkellner, wie Inge Meysel einmal ausflippte

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Kennt Promi-Anekdoten. Miroslav Harasic, der dienstälteste Oberkellner Berlins, arbeitet seit 40 Jahren im Kempinski. Foto: M. Wolff
Kennt Promi-Anekdoten. Miroslav Harasic, der dienstälteste Oberkellner Berlins, arbeitet seit 40 Jahren im Kempinski. Foto: M....

Auch von Friseur Udo Walz ließ sie sich nicht abwimmeln. Als der ihr erklärte, er habe keine Zeit für Interviews, sagte sie nur kurz: „Dann reden Sie doch Stakkato.“ Daraufhin schaute Walz nicht mehr auf die Uhr und gestand ihr seine Liebe zum Kurfürstendamm. Ein Traum sei dieser besonders im Sommer, sagte er, „wenn die Bäume wie in einer Allee oben zusammenwachsen“. Das hörte die 77-jährige ehemalige Pastorin und Autorin Helga Frisch gerne, denn sie recherchierte für ein Buch, in dem sie 31 Berliner porträtiert, die am Ku’damm leben, arbeiten oder sich für den 125 Jahre alten Boulevard besonders engagieren. Am Dienstag las sie aus dem neu erschienenen Band – und wählte dazu aus dem facettenreichen Kaleidoskop der Ku’damm-Biografien und -Anekdoten ihre Lieblingsgeschichten aus.

Zum Beispiel die Erinnerungen von Miroslav Harasic im Hotel Kempinski. Seit 40 Jahren arbeitet der gebürtige Kroate dort als Oberkellner, ist jetzt Chef des Kamin-Salons, der „Gobelin-Hall“. In Harasics Anfangsjahren war Stardirigent Herbert von Karajan oft zu Gast. „Der ließ sich aus Florenz immer einen kleinen Container mit Pellegrino-Wasser, Chianti und Olivenöl ins Hotel schicken“, verrät Harasic. Beeindruckt hat den Kempinski-Mann auch die draufgängerische Schauspielerin Inge Meysel. Es war wohl in den Achtzigern, als sich die Meysel von der Zigarre des Edgar-Wallace- und Karl-May-Filmproduzenten Horst Wendlandt am Nachbartisch gestört fühlte. Sie sprang auf und goss eine Karaffe Wasser auf das qualmende Ärgernis, das gerade auf dem Aschenbecher lag.

Helga Frisch lacht und streicht eine schwarze Strähne ihrer Bob-Frisur zurück. Zur Buchvorstellung lud sie in ihre Lieblingsbar am oberen Ku’damm ein, die „Art & Champagne Galerie- und Lounge“ von Micaela Reske, der sie gleichfalls ein Porträt widmet. Denn „Mici“, wie sie ihre Gäste nennen, ist dem Ku’damm und der Tauentzienstraße gastronomisch treu: Erst als Bedienung im inzwischen geschlossenen „Bovril“ am Adenauerplatz, ein „von vielen geliebtes Stück West-Berlin“, dann an der Champagner-Bar im KaDeWe – und nun am eigenen Tresen.

Doch Helga Frisch wäre durchaus selbst eine Geschichte im Buch wert. Immerhin war sie 26 Jahre lang Pastorin nahe des Kurfürstendamms – in der Gemeinde Grunewald. Von ihrem Zweitstudium in Geschichte geprägt, beschäftigte sie sich mit der Historie des Boulevards und schrieb 2010 ein erstes Ku’damm- Buch: „Abenteuer Kurfürstendamm“. Außerdem machte sie Schlagzeilen als eine, die sich einmischt, kämpfte nach der Wende in Grunewald gegen die Vertreibung von Bewohnern durch zu hohe Mieten, gründete die Bürgerinitiative für die Erhaltung des Fernverkehrs am Bahnhof Zoo und schrieb als Pfarrerin provokante Bücher über Dreierbeziehungen oder die wilde Ehe mit kirchlichem Segen.

Ihr neues Buch macht nun den Ku’damm höchst lebendig. Petra Jagodzinski, Chefin des Café Kranzlers, erzählt von jenem Ehepaar, das seit Jahren fünfmal pro Woche zum Frühstück kommt. Daniela Urbschat vom gleichnamigen Photostudio lernt immer mehr saudische Prinzessinnen kennen, die sich von ihr porträtieren lassen „und froh sind, hier mal unverschleiert promenieren zu können“. Alt-Playboy Rolf Eden plaudert über Familientreffen mit seinen sieben Kindern und Ex-Frauen. In Gesprächen mit Restaurantchef Holger Zurbrüggen vom „Balthazar“, der BVV-Vorsteherin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Marianne Suhr, oder Manuela Molnos von der Buchhandlung „Timbooktu“ werden Erinnerungen wach an einst angesagte Diskos, Kinos oder Kneipen wie das Far Out, Linientreu oder Hühner-Hugo.

Am späten Abend schlägt Helga Frisch dann ihr Buch zu, greift zum Rotweinglas und sieht die Zukunft optimistisch. „Der Ku’damm, glauben Sie mir, ist wieder kräftig im Kommen.“

Helga Frisch liest wieder am 26. Oktober, 20 Uhr, aus ihrem Buch „Mein Kurfürstendamm“ (Kahmann Druck+Verlag, 14,95 Euro). Ort: Art&Champagne-Bar, Kurfürstendamm 171, Tel. 0162- 6341881.

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