Berlin : VERLOREN

Sigrid Kneist

An den 216 000 Empfängern von Arbeitslosengeld II (ALG II) in Berlin geht der Aufschwung vorbei. Sie profitieren kaum davon, dass Unternehmer verstärkt Mitarbeiter einstellen und die Arbeitsagenturen 38 000 offene Stellen melden. Arbeitsmarktexperten sagen sogar, dass ein Fünftel der ALG-II-Bezieher selbst bei weiter anziehender Konjunktur keine Chancen hat, in einem regulären Beschäftigungsverhältnis wieder Fuß zu fassen. Von dieser Größenordnung geht Johannes Langguth, Jobcenter-Geschäftsführer von Charlottenburg-Wilmersdorf, aus. Die einzige Möglichkeit, diese Menschen zu beschäftigen, sei über den zweiten oder dritten Arbeitsmarkt.

113 000 ALG-II-Empfänger sind langzeitarbeitslos, haben also seit mehr als einem Jahr keinen Job. „Es ist ein gravierendes Problem“, sagt Olaf Möller, Sprecher der Regionaldirektion für Arbeit. Derzeit brauche die Wirtschaft Kräfte, die gut ausgebildet und sofort einsetzbar sind. Viele Langzeitarbeitslose gelten aber als „marktfern“, wie es branchenintern heißt. Ihnen fehlen wichtige Qualifikationen, oder sie sind aufgrund verschiedener Probleme – Sucht, Finanzschwierigkeiten, familiäre Belastungen – schwer vermittelbar. Sie können nur mit erheblichem Aufwand für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden.

Als besonders dramatisch stuft der DGB die Situation der Arbeitslosen ein, die älter als 50 sind. „Verglichen mit anderen europäischen Ländern ist in Deutschland die Neigung, ältere Arbeitnehmer einzustellen, besonders niedrig“, sagt DGB-Sprecher Kai Lindemann. Das könne bald zum Problem werden, da der Fachkräftemangel immer größer werde. In Brandenburg wollen Landesregierung, Sozialpartner und Arbeitsagenturen einen Masterplan erstellen, um ältere Arbeitnehmer wieder zu beschäftigen.

Der Senat plant rund 2500 öffentlich finanzierte Stellen vor allem für ältere Menschen, die als nicht vermittelbar gelten. Nach Angaben von Arbeitssenatorin Heidi Knake-Werner (Linkspartei) können Einsatzbereiche unter anderem in der Betreuung von alten und behinderten Menschen liegen. Das Gehalt soll etwa 1300 Euro monatlich betragen. Das Projekt soll im Sommer starten.

Reinhard Müller, Chef des Job-Centers Marzahn Hellersdorf, nennt noch ein weiteres Phänomen. Zwar geht berlinweit die Zahl der Arbeitslosen zurück – im vergangenen Jahr um rund 35 000 auf derzeit 272 000. Aber die Zahl der Haushalte, die auf Unterstützung angewiesen sind, sinkt nicht. Viele Menschen haben zwar eine Arbeit gefunden, verdienen aber so wenig, dass sie weiterhin ergänzende Gelder der Jobcenter erhalten. Laut Regionaldirektion sind das rund 15 000 Menschen, deren Familieneinkommen durch Hartz-IV-Leistungen aufgestockt werden. Man könne auch beobachten, dass viele der jetzt angebotenen Stellen Jobs auf 400-Euro-Basis seien.

Diese Beobachtung hat auch Fritz Brandes vom Jobcenter Reinickendorf gemacht. Er sagt: „Eigentlich darf es nicht sein, dass jemand 40 Stunden in der Woche arbeitet und trotzdem nicht für seinen Lebensunterhalt aufkommen kann.“

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