Berlin : Verlorene Gene und andere Lücken

Wolfram Siebeck

Wenn eine Katze marschieren kann, dann marschiert Frau Hoffmann in diesem Moment in mein Zimmer. Ihre Körpersprache drückt aus, dass sie wild entschlossen ist. Sie fragt ohne Einleitung: „Bist du für Genforschung?“

Schwierige Frage. „Solange es um genmanipulierte Nahrungsmittel geht...“, beginne ich zögernd.

„Du denkst immer nur an deine Pfannkuchen. Dabei haben die Amerikaner entdeckt: Entfernt man einer Maus nur ein einziges Gen, verwandelt sie sich in einen aggressiven Löwen!“

„Seit wann fürchtest du dich vor gedopten Mäusen?“

„Du hast wohl nicht zugehört? Aggressive Löwen! Du rennst doch schon, wenn Bettina mit ihren Doggen hier auftaucht.“

„Aber nicht so schnell wie du!“

„Du glaubst sogar an Klimaveränderung.“ Frau Hoffmann kratzt sich heftig hinterm rechten Ohr, sie denkt also nach. „Was wird wohl aus einem aggressiven Löwen, wenn man ihm ein Gen entfernt?“, fragt sie nach einer Weile.

„Ein wütender Elefant, was sonst?“

„Und aus einem Elefanten...?“

„...wird eine neugierige Katze.“

Sie überhört meinen Spott. „Bist du überhaupt gegen Elefanten versichert?“

„Nein, denn ich habe eine Katze, die macht aus jeder Maus einen Elefanten, und das ist Versicherungen zu riskant.“

Jetzt reicht es ihr. Sie dreht schwanzzuckend ab und grollt: „Ich möchte gerne wissen, was dabei herauskommt, wenn sie dir ein Gen wegnehmen.“

Ja, das ist die Frage. Schröder machte eine große Fete, als er ohne Kanzlerschaft wach wurde. Stoiber brüllte in der gleichen Situation wie ein Löwe, ein Zeichen dafür, dass er vorher eine Maus war, während Angela Merkel lachte und lachte, weil sie ihn los war.

„Deine Mäuse reagieren nicht alle gleich“, rufe ich Frau Hoffmann nach, „in Australien kriegen sie Lungenentzündung, wenn sie genmanipulierte Erbsen essen. Deshalb hat man die Gen-Versuche mit Erbsen eingestellt.“

„Wie kann man auch so blöd sein und Erbsen fressen!“

„Sei nicht so überheblich! Wahrscheinlich gibt es eine Menge vegetarischer Katzen auf der Welt.“

„Natürlich gibt es die“, faucht sie verärgert. „Es gibt auch schwule Katzen, und Katzen, die mit Hunden zusammenleben, sowie Katzen, die sich stinkende Heringe aus der Mülltonne angeln. Glaubst du, nur ihr hättet gottverdammte Minderheiten, die sich an subventionierten Fressnäpfen breit machen?“

Wen sie wohl meint? Berliner Theater und Museen? Oder den DFB? Nein, für Fußball interessiert sie sich nicht. Fußball, hat sie einmal gesagt, ist was für dumme Hunde. Die rennen hinter jedem Ball her, und erst wenn sie ihn schließlich haben, merken sie, dass er ungenießbar ist. Dass sie als blutjunge Katze auch hinter jedem Wollknäuel hergelaufen ist, weiß sie nicht mehr. Auch Katzen verdrängen die Irrtümer ihrer Jugend.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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