Berlin : Verlorene Jugend

Bewegendes Kino in Bellevue: Der Bundespräsident lud zur Diskussion über Kindersoldaten-Film

Elisabeth Binder

Ein achtjähriger Junge erzählt, wie er in Uganda entführt und von Rebellen zum Kindersoldaten gedrillt und gezwungen wurde, einen Gefangenen zu erschlagen. Andere gefangene Kinder werden gezwungen, dessen Gehirn zu essen.

Erschreckendes Kino im Schloss Bellevue, und der Bundespräsident sitzt in der ersten Reihe. „Ein harter Film, wie man ihn nur einmal im Leben sieht“, warnt Berlinale-Chef Dieter Kosslick, der zu Gast ist bei dieser ungewöhnlichen Veranstaltung in dem Saal, in dem sonst die Staatsgäste dinieren. Nach der Vorführung des Dokumentarfilms „Lost Children“ gibt es einen Empfang und eine Diskussion mit Studenten des Otto-Suhr-Instituts (OSI) der Freien Universität.

Kurz vor einer Afrikareise, die ihn nach Mosambik, Madagaskar und Botsuana führt, wirft der Bundespräsident ein Schlaglicht auf den seit zwanzig Jahren andauernden Krieg im Norden Ugandas, in dem 8- bis 14-jährige Kinder scharenweise entführt und zu unvorstellbaren Grausamkeiten gezwungen werden.

„Der Film zeigt, dass es in Afrika Plätze gibt, wo keine Humanität existiert.“ Das ist für Horst Köhler das Bewegendste an dem Werk. Dieser Film soll nach seinem Verständnis aufrütteln und wach machen. Genau deshalb sei es auch richtig, dass die politische Situation nicht im Detail thematisiert werde. Das kritisierten die Studenten am Anfang der Runde. Hier geht es aber eher um die Grundlagen der Menschlichkeit als um eine Politik, die ohnehin kaum durchschaubar ist. „Die Menschen leiden unbeschreiblich“, sagt Jacob Mabe, aus Kamerun stammender Privatdozent. Was der Bundespräsident tun könne? Ganz einfach, den Film noch einmal im Schloss Bellevue vorführen und dazu und zur anschließenden Diskussion seinen Amtskollegen aus Uganda einladen.

Auch die beiden Filmemacher, OliverStoltz und Ali Samadi Ahadi sind dazugekommen. Als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation getarnt, haben sie die Dokumentation unter Lebensgefahr mit kleinen DVD-Kameras und einem winzigen Budget gedreht und kämpfen nun darum, dass er auch in der ARD gezeigt wird, obwohl er nicht als Quotenbringer gilt. „Solche Filme werden leider, wenn überhaupt, nur spätnachts gezeigt“, sagt auch Dieter Kosslick bedauernd. Eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis haben sie immerhin schon, und morgen wird er auch im Bundestag vorgeführt.

„Europa hat eine riesige Verantwortung, denn es hat viel mit zu der Armut und der daraus resultierenden Gewalt beigetragen“, mahnt Peter Eigen, Chef von Transparency International. Gerade große westliche Unternehmen auf der Jagd nach Rohstoffen hätten durch systematische Korruption viel dazu beigetragen. Er sei trotz allem optimistisch, dass ein afrikanischer Weg heraus aus der Misere gefunden werden könne, sagt Horst Köhler. Ihm sei es wichtig, nicht mit einer Besserwisser-Haltung aufzutreten, sondern seinen afrikanischen Gesprächspartnern genau zuzuhören und dann sehr offen mit ihnen zu sprechen.

Den Kindern aus dem Film wird das so schnell nichts nützen. Der achtjährige Opio, der dem Regisseur Oliver Stoltz während der Dreharbeiten besonders ans Herz gewachsen ist, wurde schon wieder entführt, ist spurlos verschwunden, wahrscheinlich in der Hand von Erwachsenen, die Kinder auch in diesen Tagen dazu zwingen, andere Menschen zu zerstückeln und mit ihren Köpfen Ball zu spielen.

Infos über Sondervorführungen unter www.lost-children.de

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