• Verlorene Orte in Deutschland: Axel Hansmann stellt Fotos vergessen geglaubter Bauruinen aus

Verlorene Orte in Deutschland : Axel Hansmann stellt Fotos vergessen geglaubter Bauruinen aus

Gleich in zwei Ausstellungen präsentiert der Schöneberger Fotograf Axel Hansmann leer stehende Industrie- und Militärgebäude. Seine Aufnahmen wirken wie Gemälde aus vergangenen Zeiten.

von
Die Beelitzer Heilstätten waren einst das größte sowjetische Militärhospital außerhalb der UdSSR. Fotograf Axel Hansmann entdeckt ihren morbiden Charme neu.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Axel Hansmann
12.07.2011 12:18Die Beelitzer Heilstätten waren einst das größte sowjetische Militärhospital außerhalb der UdSSR. Fotograf Axel Hansmann entdeckt...

Die Tapete hängt in mehreren Schichten von der Wand, Putz bröckelt von der Decke, und durch die zerschlagenen Fenster des ehemaligen Schlachthofbüros ranken zarte grüne Triebe. Spuren des Verfalls sind auf den Fotografien von Axel Hansmann zwar allerorten sichtbar. Doch zugleich strahlen die „Verlorenen Orte“, die der Schöneberger Fotograf derzeit in zwei Berliner Ausstellungen zeigt, eine ruhige, ja malerische Schönheit aus. Entstanden sind die Arbeiten an verschiedenen Orten in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt, unter anderem in den Beelitzer Heilstätten, im stillgelegten Kraftwerk Vockerode, in einer alten Drahtseilfabrik und an früheren Standorten der sowjetischen Armee.

Neben der „Besenwirtschaft“, einem Weinlokal in Charlottenburg, ist der zweite Ausstellungsort ein großer Copyshop an der Schönhauser Allee, der zugleich Hansmanns Arbeitsplatz ist. Hier arbeitet der 57-Jährige als Angestellter und kann in seiner Freizeit seine am Computer bearbeiteten Fotografien selbst auf Künstlerleinwand ausdrucken und auf Keilrahmen spannen. „Ich möchte den Druckprozess steuern können, zu viel kann dabei schiefgehen“, sagt Hansmann, der seit mehr als 40 Jahren fotografiert. Viel Mühe steckt in seinen Arbeiten, bis sie den maroden Charme ausstrahlen, den Hansmann sucht: Allein in den Beelitzer Heilstätten, dem einst größten sowjetischen Militärhospital außerhalb der UdSSR, war er über ein Dutzend Mal. Wegen der unterschiedlichen Lichtstimmungen auch mehrfach zu verschiedenen Jahreszeiten.

Hat Hansmann ein Motiv wie die einsame Badewanne für seinen „Badetag in Beelitz“ gefunden, fotografiert er es mit unterschiedlichen Belichtungszeiten. Rund 600 Fotos entstehen bei einer Vier- Stunden-Tour, doch höchstens zehn davon schaffen es durch Hansmanns strenge Selbstzensur. Ist ein Foto ausgewählt, folgen bis zu acht Stunden Arbeit am Computer, wo Hansmann seinen Fotografien durch Filter- und Verfremdungseffekte und die Zusammenführung der unterschiedlichen Belichtungsergebnisse ihren gemäldeartigen Charakter verleiht. „So kann ich Strukturen und Texturen betonen und erreiche einen stärkeren Tiefeneffekt“, sagt Hansmann. Nicht immer ist es leicht, Zutritt zu den „Verlorenen Orten“ zu bekommen. Oft geht das nur über eine Sondergenehmigung. Der einzige Besucher ist Hansmann dennoch nicht: „Wenn ich ein Objekt öfter besuche, fällt mir leider auf, wie rasant der Vandalismus darin voranschreitet.“

Es geht Hansmann nicht nur um das Einfangen von Stimmungen, sondern auch um Dokumentation. „Ich halte Erinnernswertes fest, solange es noch existiert.“ Manchmal ist er der Letzte mit diesem Privileg, eine Leipziger Brauerei wurde kurze Zeit nach seinem Besuch abgerissen. Oft sind es bemerkenswerte Dinge, die Hansmann auf diesen Spurensuchen findet, die er bald im Stadtgebiet Berlin fortsetzen will: volle Chemiekanister in einem früheren Klebstoff-Kombinat und bunte Wandmalereien im ehemaligen Kindertrakt einer russischen Kaserne. Eine der hübschen Malereien sieht so aus, als flöge Karlsson vom Dach mit seinem Großvater durch die Lüfte.

Ein wichtiges Prinzip Hansmanns ist die Erschwinglichkeit seiner Arbeiten, von denen viele demnächst auch als Bildband im Verlag „McBuch-online“ erscheinen sollen. Das kleine Format liegt bei 75, das große bei 180 Euro. „Es gibt vor der eigenen Haustür so viel zu entdecken, das soll sich jeder leisten können“, sagt Hansmann und geht an seinen Arbeitstisch. Dort liegt zum Bespannen bereit eins der Motive, die der Fotograf am häufigsten verkauft. Es stammt aus Beelitz und zeigt in einem grün überwucherten Erker einen kaputten Sessel, eine Holzkiste mit alten Bierflaschen und ein eingeschlagenes Fernsehgerät. Hansmann hat die Szene „Endlich Feierabend“ getauft.

Die Ausstellung im Grimm-Copyshop, Torstraße 49, zeigt Arbeiten hauptsächlich aus Beelitz (Mo bis Fr 9.30 bis 19 Uhr, Sa 10 bis 16 Uhr). Die Schau in der Besenwirtschaft, Uhlandstraße 159, stellt „Verlorene Orte“ vor (bis Ende Juli, tägl. ab 18 Uhr). Infos auf www.aha-fineart.de

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

8 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben