Berlin : Vermietung nach dem Pausensnack-Prinzip

Was für zwischendurch: Kreative und Selbstständige bekommen Läden in Neukölln-Nord fast umsonst

Tanja Buntrock

Die Wand strahlt kreischrot. Frisch gemalert. Davor steht ein Stahlgerüst, es liegen Pinsel herum. In ihrem ebenfalls roten Maler-Overall zeigt Stephanie Nückel auf Fotos, wie der Laden noch vor Kurzem aussah: Berge von Bauschutt, blaue Müllsäcke, der Putz, der von den Wänden kommt, eine tote Ratte. Jahrelang stand diese Erdgeschosswohnung in der Pflügerstraße in Neukölln-Nord leer. In wenigen Wochen wird Stephanie Nückel mit ihrem Partner hier eine „Aktionsgalerie“ mit Fotos, Bildern und Tango-Tanzkursen eröffnen.

Möglich macht das ein neues Projekt des Quartiersmanagements im Neuköllner Reuterkiez: Über eine Zwischennutzungsagentur – bestehend aus drei Mitarbeiterinnen – werden seit einem Jahr leerstehende Läden in dem Quartier zu günstigen Konditionen an „Zwischennutzer“ vermittelt. Zumeist sind das junge Künstler, Kreative oder junge Unternehmer, die sich gerade erst selbstständig machen. Die richten dafür die oftmals ziemlich verrotteten Erdgeschoss-Läden auf eigene Rechnung her, zahlen dafür aber entweder monatelang keine Miete oder nur Betriebskosten. Wenn sich die Geschäftsidee später trägt, wird möglicherweise über einen längerfristigen Mietvertrag verhandelt. Oder das Kunstprojekt ist sowieso nur auf eine bestimmte Zeit angelegt – dann kann der Eigentümer den Laden danach besser weitervermieten.

Denn nicht nur die Probleme an der Rütli-Schule haben dem Quartier ein schlechtes Image verliehen. Das Gebiet gilt von seiner Sozialstruktur als „äußerst schwierig“, wie Heinz Buschkowsky sagt. Der Neuköllner Bürgermeister, der sich das Projekt gestern anschaute, bringt das Problem im Kiez auf eine einfache Formel: Der leerstehende Laden führe oftmals zum leerstehenden Haus und das Ende zur Verödung ganzer Straßenzüge. Mit zwei Folgen: zunehmende Verwahrlosung, mehr Kriminalität. Und dann will hier erst recht keiner mehr herziehen. Da soll nun die Zwischennutzung vor sein.

„So ein optimistisches Projekt belebt den Kiez wieder“, sagt Buschkowsky. Schließlich ziehe man doch lieber in ein Wohnhaus, in dem unten eine Galerie untergebracht ist, als eine Spielhalle oder sonstige fragwürdige Etablissements. Die mit dem Projekt beauftragte Agentur hat seit vergangenem Frühjahr 23 von 100 leeren Läden vermittelt. „Damit wurden 57 neue Arbeitsplätze geschaffen“, sagt Stefanie Raab von der Zwischennutzungsagentur. Finanziert wird das Projekt noch bis Ende 2007 vom Senat. Danach muss sich das Konzept selber tragen. Für die Eigentümer heißt das Ganze, dass sie während der Zwischennutzungszeit weniger Einnahmen hinnehmen müssen. Doch dafür bekomme der ganze Kiez ein besseres Image. Und das mache sich dann später vielleicht wieder bemerkbar.

Mehr Informationen unter

www.zwischennutzung-reuterquartier.de

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