Berlin : Vermisstes Mädchen: Sophia Wendt nach vier Tagen wohlbehalten aufgetaucht

Katja Füchsel,Werner Schmidt

Die seit dem vergangenen Donnerstag vermisste neunjährige Sophia Wendt ist gestern morgen zurückgekehrt. Die Schülerin ist nach ersten Untersuchungen wohlbehalten. Sie habe sich gegen 7.30 Uhr auf dem Polizeiabschnitt 72 an der Cecilienstraße in Marzahn mit den Worten gemeldet: "Ich bin die Sophia. Ich werde gesucht". Nach den bisherigen Ermittlungen wurde das Kind in der Nähe der elterlichen Wohnung von einem Unbekannten verschleppt und vier Tage lang in einer Wohnung festgehalten. Gestern früh fuhr der Täter die Schülerin zur Cecilienstraße und setzte sie nahe der Polizeidienststelle aus, erklärte Polizeipräsident Hagen Saberschinsky gestern Nachmittag während einer Pressekonferenz. Obwohl der Täter gegenüber der Schülerin nicht gewalttätig geworden sei, werde als Hintergrund der Entführung ein sexuelles Motiv angesehen.

Die ersten vorsichtigen Befragungen von Sophia Wendt ergaben gestern, dass das Kind am Klüsserather Weg in Marzahn - nur etwa 80 Meter von ihrer Wohnung entfernt - verschleppt wurde. Der Täter sei der Schülerin, die vom Schulhort auf dem Weg nach Haue war, entgegengekommen, habe sie umfasst und den Mund zugehalten und gedroht, wenn sie schreie, hole er sein Messer hervor. Dann soll er Sophia Wendt zur nächsten Straßenkreuzung am Eltzbachweg gezerrt haben. Nach Angaben des Kindes stieß der Täter sie in ein dort abgestelltes Auto und fuhr dann mit ihr weg.

Nach einer von dem Kind als kurz geschilderten Fahrt wurde es in einen Plattenbau gezerrt. Die nächsten Tage verbrachte sie in einer Wohnung, wurde ordentlich verpflegt und durfte auch fernsehen. Dabei habe sie auch die Fahndung verfolgt, ihr Bild und das ihrer Eltern gesehen, die im Fernsehen an den Entführer appellierten, ihre Tochter frei zu lassen. Gehört habe sie nichts, denn sie habe Kopfhörer getragen, sagte Saberschinsky. Sie sei in dieser Zeit weder bedroht noch geschlagen worden. Saberschinsky sagte: "Es wird uns mit hoher Wahrscheinlichkeit gelingen, den Täter zu ermitteln". Er forderte den Unbekannten auf, sich zu stellen.

Offenbar unter dem Druck der Fahndung habe der Täter das Kind gestern zum Polizeiabschnitt 72 gefahren, es abgesetzt und ihm die Richtung zur Polizei gezeigt. Sophia Wendt sei losgegangen und habe dann noch eine Passantin gefragt, wo es zur Polizei gehen. Diese Frau sei zufällig eine Angestellte des Landespolizeiverwaltungsamtes gewesen und habe sich des Kindes angenommen. Sophia Wendt habe bei ihrem Erscheinen auf der Wache einen "stabilen und gefestigten Eindruck" gemacht. Mit Rücksicht auf die Ereignisse sei sie bisher allerdings nicht intensiv befragt worden. Heute sollen eine ärztliche Untersuchung und weitere Befragungen durch Spezialisten der an der Fahndung beteiligten Dienststellen folgen: "Wir sind heilfroh, dass das Kind wieder da ist", sagte Saberschinsky.

In den vergangenen Tagen suchten in der Umgebung des Wohnbereichs mehrere Hundertschaften Polizisten mit Hunden nach dem vermissten Kind. Auch Hubschrauber mit Wärmebildkameras wurden eingesetzt. Der Bereich aus Industriegebiet, Bahngelände, Wohngebiet und Laubengelände sei sehr schwierig abzusuchen gewesen, sagte Saberschinsky. Die Suche konzentrierte sich auf diese Gegend, da ein Nachbar das Kind am Klüsserather Weg 22 zuletzt am Donnerstag gegen 16.45 Uhr gesehen hatte. Die Ermittler hatten nach dem Verschwinden des Kindes schon bald Großalarm gegeben und die Ermittlungen von der Vermisstenstelle auf die Mordkommission verlagert. Da das Kind aus behüteten Verhältnissen stammt und weder schulische noch familiäre Probleme erkennbar waren, ging die Polizei schon frühzeitig davon aus, dass Sophia Wendt einem Kapitalverbrechen zum Opfer gefallen sein könnte.

Eine Sonderkommission "Sophia", in der drei Mordkommissionen, die Vermisstenstelle und ein für Sexualdelikte an Kindern zuständiges Kommissariat zusammengezogen sind, ermittelt im Fall der entführten Sophia Wendt, deren Stiefvater selbst Polizeibeamter ist und auf dem Abschnitt 71 in Hellersdorf Dienst versieht. Unter anderem wurde auch die Mordkommission hinzugezogen, die den Fall der verschwundenen Sandra Wißmann bearbeitet, um mögliche Parallelen zwischen beiden Vermisstenfällen festzustellen.

Von der zwölf Jahre alten Sandra Wißmann aus Kreuzberg fehlt seit dem 28. November jede Spur. Auch sie war am Nachmittag urplötzlich verschwunden. Sie wollte bei Karstadt am Hermannplatz in Neukölln noch ein Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter kaufen und verabschiedete sich von ihr. Kurze Zeit darauf wurde die Schülerin noch von Schulfreundinnen am Kottbusser Damm gesehen, dann verliert sich die Spur des zwölfjährigen Mädchens.

Tatablauf für Sexualstraftat ungewöhnlich

Sophia Wendt mag die Wahrheit gesagt haben, auf eventuelle Überraschungen sollte sich aber nicht nur Polizeipräsident Saberschinsky gefasst machen. Rein statistisch gilt es jedenfalls als äußerst ungewöhnlich, dass ein Sexualstraftäter ein fremdes Kind nur wenige Meter vom Elternhaus aufgreift, es tagelang unterbringt, um es dann wohlbehalten wieder bei der Polizei abzusetzen. In der Regel folgen Sexualstraftäter einem Trieb, den sie möglichst schnell zu befriedigen suchen.

Allerdings ist auch noch nicht bewiesen, dass Sophias Entführung von sexuellen Motiven gesteuert wurde. Es gibt Opfer, die gekidnappt wurden, weil der Täter unter der eigenen Kinderlosigkeit litt, weil der Täter aus irrationalen Rachegefühlen handelte, wegen ungelösten Konflikten innerhalb der Familie... Es muss bislang bei Spekulationen bleiben.

Die Polizei sucht deshalb noch weitere Zeugen. Wer möglicherweise beobachtete, wie Sophia Wendt am 4. Januar gegen 16.45 Uhr am Klüsserather Weg Ecke Eltzbachweg in ein Auto gezerrt wurde oder wer weiß, in welcher Wohnung sich in den vergangenen Tagen ein Kind aufhielt, das dort zuvor nicht gesehen worden war, wird gebeten, sich bei der Polizei zu melden. Ebenso werden von der Polizei Zeugen gesucht, die gestern morgen zwischen 7.15 und 7.30 Uhr beobachteten, wie an oder nahe der Cecilienstraße ein Kind aus einem Auto stieg.

Hinweise nimmt die Sonderkommission "Sophia" unter der Telefonnummer 699 32 777 entgegen.

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